Das 31. Wevent - Zwischen Fürsorge und Entmündigung

Am letzten Aprilwochenende verbrachten ca. 135 Menschen die Tage in der Unilever-Zentrale in Hamburg. Grund dafür war das 31. Wevent von intrinsify.me - endlich wieder einmal in Hamburg, und endlich war ich auch mal wieder dabei. Die Location bot (sowohl inhaltlich als auch architektonisch) eine gute Kulisse, um folgende Frage zu diskutieren: Was bedeutet es, den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen - und welche Verantwortung hat ein Unternehmen für seine Mitarbeiter in der neuen Wirtschaft? Soviel vorab: Es kristallisierten sich (wie zu erwarten) unterschiedliche Antworten heraus. Und für mich wurde eine Paralleldiskussion auf Twitter zum Sinnbild genau dafür...

 

Der Auftakt: Zwei knackige Standpunkte

Nach dem entspannten Ankommen und ein paar warmen Worten von Mark Poppenborg (seineszeichens einer von zwei Gründern des Netzwerks) gab es auch schon inhaltlichen Input, der doch gegensätzlicher war, als es die Vorankündigung vermuten ließ...

 

Unternehmensverantwortung, die Erste

Alexandra Büßer, HR-Director Go to Market bei Unilever, schilderte, wie sich die soziale Verantwortung im Konzern Unilever von Anbeginn an bis jetzt entwickelt hat. Schon die Gründer hätten Wert darauf gelegt, sich um ihre Mitarbeiter zu kümmern - diesen Geist spüre man bis heute, insbesondere wenn's schlechter steht, dann rücke die "Familie" zusammen. Überhaupt werde "Familie" bei Unilever großgeschrieben; es gäbe auch vielzählige Angebote für Familienmitglieder der Mitarbeiter. Eine Veränderung könne man seit einiger Zeit beobachten, so Büßer: Es gäbe immer mehr Angebote, über verschiedene Lebensfragen zu reflektieren, alle verankert im "Health & Wellbeing Program". Das beinhalte Fitnessstudios, gesundheitliche Check-Ups, aber eben auch Meditation mit 800 Leuten im Hauptsitz. Für viele Mitarbeiter stelle sich die Frage nach dem Sinn des Lebens, und Unilever unterstütze es, diesem "persönlichen purpose" auf die Spur zu kommen - denn: Wer sein Lebensziel kennt, hat einen inneren Kompass, und der gibt Kraft. Das sei wichtig in Zeiten rasanter Veränderungen und daher auch für's Unternehmen relevant. Natürlich, so Büßer, müsse die Teilnahme an der Sinnsuche freiwillig sein. Aber warum, so schloß sie, solle nicht das Private in die Arbeit schwappen, wenn es andersrum doch genau so passiert?

 

Unternehmensverantwortung, die Zweite

Lars Vollmer, der andere von zwei Gründern des Netzwerks, lieferte an diesem Morgen den zweiten Input. Er schilderte seinen eigenen Werdegang, der ihn u.a. von Maschinenbau aus Verlegenheit, einem Musikstudium aus Uni-Sehnsucht und einem Doktortitel aus Arbeitsverweigerung (und einige weitere Stationen) zu folgender These brachte: "Alle Menschen können Verantwortung übernehmen". Für ihn als Unternehmer bedeutete dies: Mitarbeiter müssen die Möglichkeit zur Verantwortung kriegen. Fürsorge und Vorschriften, so Vollmer, sind Gegner der (Eigen-)Verantwortung. Menschen würden in Unternehmen infantilisiert und erzogen - und das werte er als große Übergriffigkeit; zu oft würde Entmündigung als Fürsorge verpackt...

 

Und dann: Lasset die Spiele beginnen...

Das gab Gesprächsstoff! Die konsequenterweise folgende Diskussion fand ihren Höhepunkt wohl in einer Session des anschließenden Open Space (die ich leider verpasst habe), aber auch andere Themen wurden bei bester Aussicht (siehe Foto) besprochen. Für mich besonders interessant waren zwei Sessions, die sich mit dem universitären Umfeld auseinandersetzten: Auf der einen Seite mit den Studenten, die ans Netzwerk und somit an das Thema "New Work" herangeführt werden sollen; auf der anderen Seite mit Professoren, die sich bisher vor allem als Einzelkämpfer und kaum als Teil eines Unternehmens verstehen und sicher schwerer von in Zukunft notwendigen Strukturveränderungen zu überzeugen sind. Insgesamt betrachtet gab es mal wieder viele interessante Sessions und die Zeit war zu knapp, um alle mitzukriegen. Schade! Kann nicht jedes Wochenende Wevent sein?

 

Randnotiz: Wie eine kleine Anekdote auf Twitter eine ziemliche Diskussion auslöste...

Als ich das erste Mal ein Wevent besucht habe, wurde die Benutzung des Handlaufs nach der Keynote von Steffi Burkhart ein running gag - daran fühlt ich mich erinnert, als ich nach dem Mittagessen hinter Mark die Treppe erklomm. Zusammen mit dem alle paar Minuten erscheinenden Hinweis auf den Bildschirmen im Unilever-Haus tweetete ich dann folgendes Bild...

 

 

...und löste damit eine heftige Debatte zwischen Arbeitssicherheit, Infantilisierung und Treppenbegehungsseminaren aus. Sogar einen Blogartikel gab es dazu (hier nachzulesen). Ich selbst habe ja ein gespaltenes Verhältnis zu Handläufen: An wackligen Tagen (oder in wackligen Schuhen) nutz' ich sie gern, an anderen Tagen laufe ich gern beschwingt freihändig die Treppe hinunter. Die Unterscheidung dieser Tage gelingt mir mittlerweile schon recht gut. Aber ich als Freiberuflerin entbehre ja auch jeglicher kollegialer Fürsorge... wobei, ist das noch Fürsorge oder schon Entmündigung? Sinnfrage unbedingt, aber beim Reflektieren bitte den Handlauf benutzen? Oder gilt der Hinweis nicht für die Unilever-Mitarbeiter (weil die ja eigenverantwortlich sein dürfen)? Die Frage bleibt noch offen. Vielleicht können wir das ja beim nächsten Wevent klären.

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