Leseempfehlung: Im Club der Zeitmillionäre

Es hat lange gedauert, bis ich dieses Buch just in diesem Moment zu Ende gelesen habe. Zum einen, weil ich in den letzten Monaten meinen ganz persönlichen Zeitwohlstand (mit Kind unter 1 und dem entsprechend schwankenden Konzentrationsniveau) genossen habe, zum anderen aber auch, weil dieses Buch keines ist, das man "mal so eben wegliest". Es braucht Zeit, Konzentration und Muße, damit man die vielen klugen Gedanken, die sich hier auf 235 Seiten verdichten, auch fassen und sortieren kann. Dann aber lohnt sich die Lektüre in jedem Fall, denn sie hält viele Ideen bereit, wie ein Leben abseits des finanziellen Wohlstands aussehen kann - ohne dabei belehrend zu wirken.

 

Einblicke in Subkulturen

Greta Taubert nimmt die Leser mit in Lebenswelten, die abweichen von der Norm. Sie probiert aus, trifft verschiedenste Menschen, lässt sich ein auf Lebensentwürfe, ohne die kritische Distanz zu verlieren. Sie besucht Kommunen, lernt Tauschringe und deren Initiatoren kennen, trifft Intellektuelle, Aussteiger und Drifter, lebt bei den Spreeindianern im Teepeeland, beschäftigt sich mit solidarischer Feldwirtschaft, Arbeitszeitverkürzung und Grundeinkommen, übt sich in Dérive [Anm.: eine Methode der Konzept der Psychogeographie zur Stadtforschung], geht deutschlandweit in Saunen und macht Grenzerfahrungen nicht nur in Nachtzügen... Mehr als einmal bewundere ich während der Lektüre ihren Mut und dieses unvoreingenommene "Sicheinlassenkönnen", das es mir aus der Ferne ermöglicht, inspiriert (und manchmal auch verwirrt) zu werden.

 

Meine Lieblingszitate

Selten habe ich beim Lesen so stark das Bedürfnis verspürt, Sätze zu markieren und auswendig zu lernen - um sie an entsprechender Stelle in Gesprächen einzustreuen und mich darüber mit anderen auszutauschen. Hier meine Top 3:

 

"Einfach nur sitzen und nichts wollen, das ist eine Provokation, ein Tabubruch, eine Grenzüberschreitung. Warum darf man die Ressourcen der Welt verschwenden, aber nicht sich selbst?" (S. 81)

"Nicht der Kopf motiviert zum dauerhaft ethischem Handeln, sondern das Herz." (S. 192)

"Anders als bei wirtschaftlichem Erfolg oder der Karriere geht es beim Zeitwohlstand eben nicht darum, ihn mit aller Kraft und Disziplin zu wollen. Im Gegenteil, er ist die Gegenantwort. Gelassensein, hingeben, fließenlassen. Wie beim Schlaf - je mehr man ihn sich mit Kraft herbeisehnt, umso weniger schafft man es, einzuschlafen." (S. 225)


 

Fazit: Klug, unterhaltsam, inspirierend, perspektivenerweiternd - kurzum: lesenswert. Am besten mit viel Zeit...

 

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