Zwischen Arbeitsglück und Ausbeutung - Bericht einer Diskussion

Gestern Abend, KörberForum in Hamburg. Auf dem Podium haben sich - mal wieder - kluge Köpfe zusammengefunden, um über Veränderungen in der Arbeitswelt zu sprechen. Ausgangspunkt der Diskussion ist die Forschungsarbeit der Historikerin Sabine Donauer, in der sie sich mit dem Wandel der Gefühle gegenüber der Arbeit beschäftigt hat und für die sie mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet wurde. "Zwischen Arbeitsglück und Ausbeutung" lautet der Titel der Veranstaltung, dem diese leider nicht ganz gerecht wird. Zu viel wird gesprochen über das Arbeitsglück, zu wenig Beachtung finden prekäre Arbeitsverhältnisse, in denen Menschen wirklich unter Ausbeutung leiden.

Die Gäste

In einer kurzen Vorstellungsrunde bittet Moderator Stephan Detjen (Deutschlandfunk) die Gäste um eine Antwort auf eine vermeintlich einfache Frage: Warum arbeiten Sie?

Sabine Donauer antwortet darauf, weil sie damit ihren Lebensunterhalt verdiene und daran glaube, dass sich Probleme der Gesellschaft durch Bildung und Forschung lösen ließen.

Martina Niemann, CHO der AirBerlin Group, gibt zu Protokoll, für sie sei es wichtig, Dinge zu bewegen, mit Menschen zu arbeiten und ja, auch um Geld zu verdienen.

Hans-Jürgen Urban, IG-Metall-Vorstand, sagt: Er verdiene damit Geld und es mache ihm Spaß, mit seiner Arbeit das zu ändern in der Gesellschaft, das ihm nicht gefällt.

Ökonom Ayad Al-Ani gibt zu, er gehöre zu den glücklichen Menschen, die machen könnten, was sie wollten - dementsprechend würde ihm viel fehlen, wenn er nicht mehr arbeiten würde.

Wie haben sich Arbeitsgefühle verändert?

Anders als vor 100 Jahren, als es noch darum ging, mit der Arbeit Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, hätten Unternehmen heute das Ziel eines "emotional attachments", so Donauer. Angefangen habe dies, so die Historikerin, in den 1920er Jahren, als Unternehmen darauf abzielten, eine "Betriebsfamilie" zu schaffen, in der die Mitarbeiter sich geborgen und der sie sich zugehörig fühlten. In den 1930er Jahren begann dann etwas, was Herr Al-Ani "Hilfswissenschaft" bezeichnet: Arbeitspsychologische Forschungen und Bestrebungen, um Mitarbeiter inhaltlich zu binden - durch Empathie, Wertschätzung und Sinnerfüllung. Aus diesem Gedanken heraus hat sich nach dem 2. Weltkrieg die Idee der Potentialentfaltung in der Arbeit entwickelt, bis in den 1970er Jahren mit der Arbeit eine Glücksverheißung verknüpft wurde. Durch die intrinsische Motivation sei die Produktivität gestiegen, die Löhne aber nicht - und so sind Emotionen heute unverzichtbar für Unternehmen, um zu wachsen.

Über was diskutiert wurde... (das Wichtigste in - unvollständiger - Kürze)

Gewerkschaftler Urban sieht die Entwicklung der Emotionen in der Arbeitswelt etwas anders: Für ihn ist es keine neue Entwicklung, dass Arbeit als Quelle von Geld und Sinnhaftigkeit gilt. Er verweist dabei auf den Handwerker-Stolz und das Verständnis von Angestellten als "Unteroffiziere". Was seiner Meinung nach aber neu ist, sei der gesellschaftliche Gebrauchswert der Arbeit, der heute mehr denn je hinterfragt wird. Aufgabe der Interessensvertretungen sei es, auch die arbeitsinhaltlichen Aspekte zu vertreten und darauf zu achten, dass diese nicht ausgespielt werden gegen materielle Ansprüche. Es gelte, die richtige Balance zwischen Arbeitsglück und fairer Entlohnung zu finden.

Ayad Al-Ani hinterfragt, ob die Arbeitsverhältnisse noch die gleichen sind. Er warnt davor, Startups per se als "alternative Organisationsformen" zu sehen und gibt außerdem zu bedenken, dass in der Summe nur sehr wenige Arbeitnehmer wirklich "highly engaged" sind. Er sieht es als die Aufgabe unserer Gesellschaft in den nächsten 10 Jahren, den Einsatz von Ressourcen zu optimieren.

Frau Niemann, die es naturgemäß häufig mit Piloten zu tun hat (die ihrer Erfahrung nach arbeiten, weil sie gern fliegen), überlegt, ob man in der Diskussion vielleicht differenzieren müsse zwischen Produktion und Dienstleistung. Ihr fehlt der Faktor "Kunde" in den Überlegungen zu neuen Organisationsformen. Auch sie berichtet, dass Mitbestimmung bei AirBerlin dazu genutzt würde, die Arbeitsbedingungen zu verbessern - Autonomie ist für sie aber auch eingegrenzt von Größe. Das bestätigt Hans-Jürgen Urban, der innovative Modelle häufig am Außendruck scheitern sieht.

...und worüber hätte gesprochen werden können (meiner persönlichen Einschätzung nach)

Was (wie so oft in solchen Diskussionen) leider fehlte bzw. nur am Rande anklang, waren folgende Aspekte: Wie können neue Organisationsformen für Menschen funktionieren, die nicht Wissensarbeiter, Piloten oder sonstige Akademiker sind - sondern Verkäuferin, Lagerist und Fließbandarbeiter? Was ist mit den Menschen, für die Arbeit in erster Linie Geldverdienen bedeuten muss - können die auch Sinnentfaltung in der Arbeit erfahren? Welche erfolgreichen Beispiele innovativer Organisationen gibt es schon (DM, Gore-Tex u.a.) - und was sagen die "Arbeiter" aus diesen Unternehmen über ihr Arbeitsumfeld? Und was ist mit der Arbeitszeit - könnte man ggf. auch mal gen Norden schauen und überlegen, ob der 6-Stunden-Tag auch für uns eine Alternative wäre? Und dann ist da noch die Sinnfrage, die Sabine Donauer zumindest mal ausspricht: Wo arbeiten wir eigentlich hin? Müssen wir immer effizienter werden? Wie kann wirtschaftlicher Wachstum gelingen, ohne dass Menschen (emotional oder finanziell) ausgebeutet werden?


Mein Fazit: Holt Arbeitnehmer auf die Podien!

Es wäre noch viel drin gewesen in dieser Diskussion - am wichtigsten aber wäre es, endlich mal Menschen aus der Praxis (die nicht zu den ca. 30% der Arbeitsbevölkerung mit akademischem Abschluss gehören) auf die Podien zu holen. Menschen, die konkrete Erfahrungen aus ihrem Arbeitsalltag in Lagerhalle, Laden und Produktion berichten können und nicht (das ist unbestritten!) klug aus Studien zitieren und in Employer-Branding-Sprech daherreden. Der Wandel, der zweifelsohne stattfindet, muss sichtbar werden - gerade in Veranstaltungen wie der gestrigen.

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