Ausbildung, Arbeitsplatz … Lebensplanung bis zur Rente?

Petra Siemoneit schreibt:

Als ich mit der Schule fertig war, stellte sich für mich – wie für viele andere in der Babyboomer Generation - natürlich die große Frage: Was will ich machen? Ich wollte etwas Solides lernen - etwas im Verlag sollte es sein. Die Ausbildung sollte eine anschließende langjährige Beschäftigung mit Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten. Ein Unternehmen, in dem man „alt“ werden konnte – das möglichst einen stringenten Werdegang und Lebenslauf garantierte. Eines, das Sicherheit bietet. Die Möglichkeit, seine Zukunft planen zu können. Denn: berufliche Brüche im Lebenslauf waren zu meiner Anfangszeit überhaupt nicht akzeptabel und wären das „Aus“ jeder Karriereplanung gewesen. Was lag also näher, als in einem großen Verlagshaus zu starten, in dem es viele Möglichkeiten gab, sich zu entwickeln und eine sichere Anstellung gegeben war?

Mir gelang es tatsächlich in einem renommierten Verlag meine Ausbildung zu machen und anschließend in einem großen angesehenen Medienhaus „mein Zuhause“ zu finden. Da ich viele Möglichkeiten wahrgenommen habe, mich weiterzuentwickeln – parallel mein Abi nachgeholt und abends studiert - war für mich die Arbeitswelt in diesem Unternehmen zunächst in Ordnung. Ich war in bester Gesellschaft, viele Arbeitnehmer mit mir verbrachten oder verbringen noch Jahrzehnte in nur einem Unternehmen. Auf der anderen Seite belohnten (und belohnen) viele Unternehmen diese Loyalität und Beständigkeit mit Treueprämien– so auch das Unternehmen, in dem ich tätig war. Ich freute mich sehr darüber, dass sich meine Treue auszahlte – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Doch die Zeiten veränderten sich rasant, das Gewinnstreben der Unternehmen nahm zu. Mitarbeiter wurden zu einem „teuren Gut“. Auch die zunehmende Digitalisierung machte viele Arbeitsplätze unnötig. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen, allerdings veränderten sich die Bedingungen: das Bestreben, Mitarbeiter zu binden, kippte ins Gegenteil um, da langfristig beschäftige Mitarbeiter aus Sicht der Unternehmen zu viel kosten. Außerdem führten die häufigen Umstrukturierungen zu großer Unruhe – die Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wurde größer.

 

Diese veränderte Situation brachte auch mich zum Nachdenken. Ich spürte, dass meine anfängliche Lebensplanung zu platzen drohte. Eine Unzufriedenheit – vielleicht ausgelöst dadurch, dass die vermeintliche Sicherheit immer stärker ins Schwanken geriet - machte sich breit und ich spürte immer mehr: meine Arbeit war getan. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich, das vermeintlich sichere Fahrwasser zu verlassen. Ich wollte meine Erfahrungen und meine Expertise woanders einbringen. Neues sehen und ausprobieren. Herausfinden, was mir wirklich Spaß macht. Was mir den Mut gegeben hat? Dass es heute völlig in Ordnung ist, einen Lebenslauf mit Zickzack-Kurs zu haben…


Liebe Petra,

der (geplante) Lebensweg, den du beschreibst, führt bei mir zu Gänsehaut! Ich kann das Bedürfnis nach Sicherheit verstehen, dass dich (und vermutlich viele andere deiner Generation) nach linearen Lebensläufen hat streben lassen. Dennoch ist mir, wie vielen anderen meiner Generation, dieses Bedürfnis ziemlich fremd. Heutzutage löst ja schon die Wahl des Studienfaches oder Ausbildungsberufs Angstschweiß aus, so viele Alternativen gibt es. Diese Angst hat mittlerweile sogar einen Namen: fear of missing out (kurz: FOMO). Der Zweifel, ob die getroffene Wahl auch die Richtige war, lässt manche einfach nicht locker - und mit einer pragmatischen Flexibilität wird eine solche Entscheidung dann auch mal revidiert. Wenn uns das, was wir tun (aus welchem Grund auch immer) nicht gefällt, dann machen wir was anderes. Dabei sind wir geleitet von sich wandelnden Interessen, veränderten Lebensumständen, unpassenden Arbeitsplatzbedingungen und viel Neugier auf neue Erfahrungen. Das führt dazu, dass viele von uns, aus ähnlichen Gründen wie du, einen "Zick-Zack-Lebenslauf" haben - der übrigens von vielen Unternehmen mittlerweile gern gesehen ist, wie mir eine Personalerin letztens erst versicherte.

 

Woher wir den Mut nehmen, eingeschlagene Wege zu verlassen? Zum einen aus der Sicherheit, die unsere Eltern uns häufig mitgeben. Das heißt nicht, dass sie uns ungefragt ein formidables Leben finanzieren. Aber sie unterstützen uns, oft genug nur mit ihrer Zustimmung und Bewunderung, uns auszuprobieren. Das Sicherheitsbedürfnis ist auch bei ihnen, so scheint es, in den Hintergrund gerückt - zumindest wenn es um ihre Kinder geht. Zum anderen ist das Bedürfnis, das Beste aus dem Leben rauszuholen, für viele in meinem Alter größer als das Bedürfnis nach Sicherheit. Durch die Krisen unserer Zeit hat sich in unseren Köpfen der Gedanke verfestigt, dass nur wenig von Dauer ist und sicher sowieso nichts - warum also unser Leben unflexibel gestalten, wenn unsere Umwelt manchmal so flexibel ist, dass es weh tut?

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