Betriebsräte und New Work - (wie) passt das zusammen?

© kebox - Fotolia
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Ich bewege mich regelmäßig in zwei Welten, die (auf den ersten Blick) unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite fühle ich mich zuhause auf Veranstaltungen wie zuletzt dem Work in Progress und in Netzwerken wie intrinsify.me und DenkanStoos; auf der anderen Seite trainiere ich mit großer Freude regelmäßig Betriebsräte und JAVler (Jugend- und Auszubildendenvertretungen). Beide Welten sind mir wichtig: In der New Work-Szene erfahre ich immer wieder, dass die Forderungen meiner Generation nicht aus der Luft gegriffen sind, sondern letztlich einen Wandel in der Arbeitswelt forcieren, der schon in vollem Gange ist (und der - auch wirtschaftlich und für Ältere - Sinn macht). Bei den BR sehe ich meinen großen Gerechtigkeitssinn bestätigt und bewundere immer wieder, mit wieviel Engagement die Interessensvertreter (nicht zuletzt die Jüngeren) unterwegs sind. Aber (wie) passen diese beiden Welten zusammen?

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich den letzten intrinsify.me-Stammtisch in Hamburg genutzt, um in einer Session mit anderen "New-Workern" darüber zu diskutieren. Unser Fazit: Es passt schon, wenn man die eigentlichen Aufgaben der Interessensvertreter in den Mittelpunkt rückt. Die finden sich im Gesetz:


Der Blick ins Gesetz

Im Betriebsverfassungsgesetz sind folgende Aufgaben des Betriebsrates verankert: Die Einhaltung sämtlicher Schutzgesetze zu überwachen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern und schwerbehinderte, schutzbedürftige, ältere und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zu integrieren. Außerdem hat der Betriebsrat ein ganz klar formuliertes Initiativ- und Vorschlagsrecht. Insbesondere letzteres sieht vor, dass der Betriebsrat sich aktiv in die Gestaltung des Unternehmens einbringt:


§ 92a Abs. 1 BetrVG

(1) Der Betriebsrat kann dem Arbeitgeber Vorschläge zur Sicherung und Förderung der Beschäftigung machen. Diese können insbesondere eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit, die Förderung von Teilzeitarbeit und Altersteilzeit, neue Formen der Arbeitsorganisation, Änderungen der Arbeitsverfahren und Arbeitsabläufe, die Qualifizierung der Arbeitnehmer, Alternativen zur Ausgliederung von Arbeit oder ihrer Vergabe an andere Unternehmen sowie zum Produktions- und Investitionsprogramm zum Gegenstand haben.


Von Gesetzes wegen könnte der Betriebsrat also eine entscheidende Rolle im Wandel der Arbeitswelt einnehmen - wenn, ja wenn das alte Rollenbild nicht wäre, das manchmal auf beiden Seiten vielmehr ein klares Feindbild ist. Das wiederum kommt nicht von ungefähr. In der Vergangenheit, in der es zwischen Mitarbeitern und Führungsebene in vielen Unternehmen sicher ganz und gar nicht auf Augenhöhe zuging, war der Betriebsrat ein wichtiger Gegenpol zum Profitwahn der leitenden Positionen. Doch wenn sich ein Unternehmen dazu entscheidet, den Mitarbeiter mehr in den Fokus zu rücken und erkennt, dass das durchaus auch wirtschaftlich sinnvoll ist, die Mitarbeiter in Entscheidungen einzubinden, fällt dem Betriebsrat der klassische Gegenpol weg, und sein vor kurzem noch sinnvolles und nachvollziehbares Re-Agieren wird zu einem missverstandenen, hysterisch anmutenden Agieren. Betriebsräte sind also, wollen sie in Zukunft gehört und in ihren besten Absichten verstanden werden, gut darin beraten, sich neu aufzustellen. Denn die Zeichen der Zeit deuten darauf hin, dass das eine Arbeitswelt werden könnte, die auch Betriebsräten gut gefällt...


© jonasginter - fotolia
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Was also braucht ein BR in der neuen Arbeitswelt?

Zunächst mal: eine neue Definition. Er muss sich vom "Kriegsgegner" zum "Sparringspartner" entwickeln, der sich aktiv einbringt und seine Gestaltungsrechte nutzt. Dazu gehört eine Portion Mut und Neugier, ein entsprechendes Selbstbewusstsein und auch die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu reflektieren und Selbst- und Fremdbild miteinander abzugleichen. Natürlich braucht er auch die entsprechende Akzeptanz der "Gegenseite", die bereit dazu ist, dem Betriebsrat als Vertretung der Mitarbeiter auf Augenhöhe zu begegnen und ihn auch bewusst (und gern) in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen. Ich glaube, dass dann eine Zusammenarbeit nach allen Regeln der neuen Kunst (die Guido Bosbach hier so wunderbar auf den Punkt bringt) nicht nur möglich, sondern äußerst fruchtbar ist. Denn letztlich haben doch beide Seiten den gemeinsamen Nenner: Das Unternehmen und seine Leute voranzubringen.

 

Kleine Randnotiz zum Schluss:

Mein Kooperationspartner, das Institut zur Fortbildung von Betriebsräten KG, ist selbst ein Vorzeigeunternehmen, wenn es um Wertschätzung, Offenheit und Begegnungen auf Augenhöhe geht und in und mit dem ich mich als Vertreterin der Generation Y sofort wohlgefühlt habe. Ein weiterer Beweis dafür, dass meine beiden Welten sogar sehr gut zusammen passen können. Nämlich dann, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Claus (Mittwoch, 25 März 2015 23:26)

    Hallo Isabelle,

    danke für diesen interessanten Blogbeitrag der ein noch nicht hinreichend betrachtetes Feld im Zusammenhang mit New Work aufgreift.

    Ich nehme bei vielen Betriebsräte eine große Skepsis gegenüber vielen Aspekten der modernen Arbeitswelt wahr, verbunden mit einem starken Wunsch nach Regulierung. die Wahrnehmung basiert natürlich auf meiner rein subjektiven Erfahrung mit betriebs- und personalrätlichen Gremien in vier oder fünf Unternehmen, die nicht repräsentativ ist.

    Aktuell spreche ich häufig mit Arbeitnehmervertretern über die Nutzung von Social Media. Oft begegnet mir dabei eine Mischung aus Unkenntnis, Angst, Ablehnung. Statt "dann lass es uns einfach mal ausprobieren, und wenn wir einen Fehler machen, ändern wir es halt" ein "lass uns alle Aspekte und Eventualitäten regeln, damit bloß nichts schief gehen kann." Bei anderen Themen Digitalisierung, flexibles Arbeiten, verändertes Kommunikationsverhalten, ist es ähnlich. Für mich nicht unbedingt das Mindset, das wir für New Work brauchen.

    Bei vielen - nicht allen! - Betriebsräten habe ich im Laufe der Jahre eine Grundhaltung wahrgenommen, die in einen Wunsch mündet: Man möchte den Mitarbeiter nicht nur vor dem Arbeitgeber schützen (das ist ein ganz klarer gesetzlicher und gerechtfertigter Auftrag!) sondern auch vor sich selbst.

    Und genau an dieser Stelle habe ich ein Problem. Für mich gehört zur New Work auch die Grundhaltung der Augenhöhe - zwischen allen Parteien. Genau das vermisse ich aber bei einigen Betriebsräten, denn mit der beschriebenen Haltung verbinde ich keine Augenhöhe. Im Gegenteil, der Vertreter stellt sich selbst über den zu Vertretenden und nimmt eine "ich weiß besser, was gut für dich ist" Position ein (übrigens auch bei Volks-Vertretern eine oft anzutreffende Grundhaltung).

    Aus meiner Sicht sollten in einem mit New Work und mit Augenhöhe geführten Unternehmen alle Parteien den Mitarbeiter in die Lage versetzen, achtsam mit den eigenen Ressourcen umzugehen und sich selbst zu schützen. Und natürlich müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. An diesem Zielbild müssen wohl alle drei Parteien noch gemeinsam arbeiten. Beginnen müsste es mit gegenseitigem Vertrauen und dem von dir beschriebenen Wandel vom Gegner zum Sparringspartner.

  • #2

    easygeneration (Donnerstag, 26 März 2015 14:23)

    Hallo Claus,

    danke für deinen Kommentar. Ja, die Haltung, die du beschreibst, die habe ich auch hier und da wahrgenommen. Meine Einschätzung ist, dass ein Großteil der Ablehnung einfach (und oft verständlicherweise) aus der Historie resultiert und die Abwehrhaltung fast schon reflexartig an den Tag gelegt wird. Deswegen ja mein Appell an die Interessensvertreter: Werdet zu Gestaltern, geht proaktiv an den Wandel heran und nutzt die Rechte, die euch dabei den Rücken decken! Ich verstehe aber auch, dass das nur geht, wenn alle Beteiligten vertrauens- und respektvoll miteinander umgehen. Deswegen bin ich voll bei dir: Vertrauen ist der Anfang von allem.