New Work Day 2015 // Work in Progress

Nein, das war kein schlechter Freitag, der 13. (März): Am vergangenen Freitag trafen sich auf Kampnagel etwa 800 Menschen, um sich über die Veränderungen in der Arbeitswelt auszutauschen, Neues zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Mit Xing als neuen Partner (neben dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, kurz KdA) wurde aus dem Freitag des insgesamt dreitägigen Kongresses - diesmal gewidmet dem "Wert der Arbeit" - der "New Work Day", an dem auch ich teilnahm. Hier mein Bericht.

Als ich, ein paar Minuten zu spät, K6 betrat und mir in den vollen Reihen ein Plätzchen suchte, war Olaf Scholz schon auf der Bühne und mitten in seiner Rede. Das erste Wort, das ich von ihm hörte: "Ausbeutung"; insgesamt erschien mir die Stimmung etwas gedrückt. Mein Eindruck, die Veränderungen in der Arbeitswelt seien vor allem eine Bedrohung für unseren Oberbürgermeister, hat sich nach der Lektüre der kompletten Rede zwar nicht halten können, dennoch vermisse ich aber den Optimismus, den man bei vielen anderen Rednern an dem Tag gespürt hat.

 

Ich bin, was ich tue

Nach den Grußworten der sympathischen Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel, führte Marc-Sven Kopka, Vice President External Affairs von XING auf sehr unterhaltsame Art und Weise aus, warum die Werte in der Arbeitswelt sich verschieben: Die Identifikation mit der Arbeit steigt und ebenso das Bedürfnis danach. Er berichtete von einer jungen Absolventin, die einen Job in der Unternehmensberatung ausschlug, weil sie sich mit ihrem Aufgabengebiet nicht identifizieren konnte und dies mit den Worten "ich bin, was ich tue" erklärte. Laut Kopka zeigt das: Karriere ist heute anders als vor zehn Jahren, das "Leben kommt zurück in den Lebenslauf". Seiner Meinung nach wird die neue Arbeitswelt nie fertig sein. Vielmehr ginge es darum, die einzelnen Arbeitsleben zu verbessern und den wichtigsten Rohstoff für Unternehmen, nämlich Innovation, zu sichern. Anders als Olaf Scholz betonte Kopka vor allem die Chancen, die in den Veränderungen stecken und machte neugierig auf eine neue Arbeitswelt, die durchaus auch Spaß machen kann.

 

"No photos, lights up"

Mit diesen Worten betrat Jeremy Rifkin, der diesjährige Keynote Speaker, die Bühne, um seine Antwort auf die Frage "Null-Grenzkosten-Gesellschaft - das Ende des Kapitalismus?" zu finden. Seine Ausführungen fassen diese großartigen Graphic Recordings von Till Laßmann zusammen:

Vor der ersten Podiumsdiskussion meldete sich Frau Nahles per Videoschalte zu Wort und bestätigte in ihrem Grußwort: Ja, wir sind mittendrin im Wandel. Ihre Leitidee sei eine neue Qualität der Arbeit, made in Germany. Das Bundesministerium wolle deswegen unter dem Stichwort "Arbeiten 4.0" in den Dialog treten mit allen Akteuren. Ob die Politik den neuen Anforderungen auf herkömmlichen Wegen begegnen kann? Ich bin gespannt.


Strategien für die Arbeitswelt von morgen

Dann kamen Prof. Dr. Gesche Joost (Professorin für Designforschung an der Universität der Künste in Berlin, Leiterin Design Research Lab), Thomas Sattelberger (ehemaliger Personalvorstand Deutsche Telekom) und Christian Beinke (Innovationsberater Dark Horse) auf dem Podium zusammen, um über Strategien für die Arbeitswelt von morgen zu sprechen. In fünfminütigen Inputs hatten sie die Gelegenheit, erste Thesen darzulegen.

 

Gesche Joost geht davon aus, dass die digitale Arbeit das neue Normalmodell für alle Jobs wird. Sie beobachtet den Wandel in der Forschung und ist begeistert von den Möglichkeiten, die durch open source, Vernetzung und Peer-to-Peer-Learning entstehen. Eine Herausforderung, so Joost, wird es sein, wirklich alle miteinzubeziehen in den Wandel, nicht nur die Digitalisierten. Deswegen ihr Appell: Mit dem Fokus auf Aus- und Weiterbildung und Inklusion die Zukunft gestalten!

Thomas Sattelberger beobachtet schon länger, dass die traditionellen Unternehmen an ihre Grenzen geraten und immer seltener mit ihren Geschäftsmodellen überleben können. Seine These: Innovation braucht die Arbeitswelt 4.0. Und die sollte Manager wie Gewerkschaften entmachten und dem Individuum mehr Macht einräumen.

Christian Beinke fasste sich kurz: es ginge nicht darum, gut funktionierende Systeme zu kopieren, sondern diese in komplexen Umwelten anzupassen - schließlich sei jedes Unternehmen anders.

 

Mit Aspirin gegen den Nagel im Kopf?

In der nachfolgenden Diskussion ging es dann auch genau darum: Große Unternehmen wollten neue Modelle imitieren, aber keinen echten Kulturwandel. Die Begründung: Die Shareholder-Orientierung, die immer noch dazu führe, dass Führungskräfte, obwohl 70% von ihnen anders arbeiten wollen, am Althergebrachten festhalten. In den Köpfen der oberen Spitze sei, so Sattelberger, noch nicht angekommen, dass es eine Führungskrise gibt (weswegen Frauen gar nicht da oben arbeiten wollten, warf Gesche Joost an dieser Stelle ein) - und wenn sie keinen echten Kulturwandel wollten, dann dürften Unternehmen auch sterben. Neue Methoden dürften nicht eingesetzt werden wie Aspirin, wenn die Kopfschmerzen vom Nagel im Kopf kommen, fasste Moderator Daniel Bröckerhoff charmant zusammen. In den Ausführungen von Christian Beinke über die Arbeit bei Dark Horse wurde deutlich, was Gesche Joost als die unglaubliche Kraft der Makerkultur beschrieb: Neue Wege, Tools und Strategien sind vor allem dann lohnenswert, wenn sie vom Ziel her gedacht werden.

 

Insgesamt bot die Diskussion keine großen neuen Erkenntnisse, aber auf unterhaltsame Art Bestätigung in vielen Aspekten. Moderator Bröckerhoff hat auf jeden Fall einen guten Job gemacht (vom Genderfail in der zweiten Hälfte einmal abgesehen). Schade allerdings, dass Prof. Kruse kurzfristig nicht teilnehmen konnte - seine Insights hätte ich sehr interessant gefunden.

Zeichnung: Till Laßmann
Zeichnung: Till Laßmann

Programmformate ein bisschen zu sehr "old work"

Nach der Mittagspause begann das Parallelprogramm. In mehreren Räumen gleichzeitig wurde informiert und diskutiert. Nach meinem Geschmack könnten die Formate etwas mehr "new work" sein: World Café (gab es nur eines zum Film Augenhöhe), Open Space und Zukunftswerkstatt sind nur drei Tools, die mir da einfallen. Die Themenvielfalt war gegeben, für mich aber zu häufig nach dem althergebrachten Muster "(Grußwort -) Vortrag - Fragen aus dem Publikum" gestrickt. Warum nicht auch hier mal neue Wege gehen und das Publikum mehr einbinden?


Der große Gewinn: die Begegnungen

Zum Glück gab es da das Foyer mit Kaffee, Snacks und viel Raum für Gespräche. Es trafen sich alte und neue Bekannte, über Twitter wurden Verabredungen für die Kaffeepausen getroffen. Für mich war das der größte Gewinn des New Work Days: Die reelle Begegnung mit Menschen, die man häufig nur über die sozialen Netzwerke kennt. Hamburg ist damit schon zum zweiten Mal in diesem Jahr (nach der Premiere von Augenhöhe) Anlaufstelle für die New-Work-Szene gewesen - was mich als Hamburgerin sehr freut und zeigt: Impulse der Szene kommen in unserer Stadt an.

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Kommentare: 2
  • #1

    till laßmann (Dienstag, 17 März 2015 19:27)

    danke ;)

  • #2

    Cornelia (Mittwoch, 18 März 2015 11:32)

    Liebe Isabelle,
    danke für deine pointierte Zusammenfassung der zwei Tage auf Kampnagel. Ich hatte gefühlt einen 'inspirations overkill' vom Feinsten und merke gerade, was wirklich hängen blieb. Deine Anregung, künftig die neueren Formate anzubieten mag ich gern unterstützen! Ich finde, das Hirn könnte besser verarbeiten und Kontakte reicher gestaltet werden. Aber hey, auch das ist sicher einer der nächsten Schritte. Herzlich, Cornelia