50+ - die "Generation Coach"?

© freshidea
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Petra Siemoneit schreibt:

50+ - soll es das jetzt beruflich gewesen sein? Die Frage habe ich mir gestellt und mich entschlossen, einen eingefahrenen Weg zu verlassen. Doch: wo soll die neue Reise hingehen? Mein eigener Umorientierungsprozess hat dazu geführt, mich in meinem beruflichen Umfeld umzuhören. Dabei habe ich nicht nur festgestellt, dass ich nicht die Einzige bin, die sich in diesem Prozess befindet, sondern auch, dass sich viele in meinem Alter als Coach selbständig machen, weil es in vielen Unternehmen keinen Platz mehr für sie gibt. Was ist da los auf dem Arbeitsmarkt?

 

Die Arbeitswelt verändert sich gewaltig! Neue Berufe und Anforderungen erobern die Arbeitswelt, wie z.B. Chief Digital Officer, Scrum Master, Mobile Developer, Social Media Manager oder jüngst häufig diskutiert der Feelgood Manager. Da mögen manchen in meiner Generation die Ohren schlackern und große Fragezeichen aufsteigen. Doch Berufsprofile und Bezeichnungen haben sich schon immer verändert, eine konstante Größe bleibt jedoch immer wichtig: Erfahrung! Erfahrung macht den Wertschöpfungsprozess in Unternehmen erst effizient. Das heißt, viele Unternehmen sind gut beraten, darüber nachzudenken, wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit von so genannten „Digital Natives“ mit „Nachdigitalisierten“ – so wird unsere Generation uncharmant genannt – aussehen kann.

 

Positiv ist, der Prozess nimmt langsam Fahrt auf! Unternehmen erkennen immer mehr die Wichtigkeit des Einsatzes von Älteren und Erfahrenen – auch im Hinblick auf den zunehmenden Fachkräftemangel und demografischen Wandel. Der Ruf wird lauter nach differenzierten Weiterbildungsmaßnahmen, in der jede Altersgruppe entsprechend gefordert und gefördert wird – in Amerika übrigens schon gang und gebe! Lesenswert in diese Zusammenhang das Buch von Margaret Heckel „Aus Erfahrung gut“.

 

Mein Fazit: Nein, nicht jeder über 50 muss sich zwangsläufig als Coach selbständig machen. Im Generationenmix können ältere Mitarbeiter durchaus im Unternehmen wertvolle Impulse liefern und Erfahrungen einbringen, z.B. als Führungskraft oder anderen Alternativen zum bisherigen Berufsbild. Wichtige Voraussetzung: die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der neuen Arbeitswelt und kontinuierliche Lernbereitschaft! Dann kann daraus ein wunderbares Duo werden: Pioniergeist trifft Erfahrung.

Liebe Petra,

deinen Eindruck, dass Menschen in Umorientierungsphasen häufig den Weg in Richtung Coaching einschlagen, kann ich teilen: In meiner eigenen Coaching-Ausbildung waren viele in einer ähnlichen Situation (wenn auch nicht alle 50+). Per se find' ich das nicht verwerflich, schließlich mag ich meinen Job und kann nachvollziehen, dass er auch für andere attraktiv ist. Aber es sollte, auch da bin ich bei dir, nicht der einzige Ausweg sein um sich beruflich weiterzuentwickeln - und auch nicht die einzige Alternative zu einer Festanstellung im gewünschten Beruf!

 

Tatsächlich sehe ich – genau wie Du – eine Notwendigkeit und Chance darin, dass sich Berufsbilder entsprechend der Lebensphase anpassen und entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden. Es wird heute oft (nicht nur von meiner Generation) gefordert, dass Führungskräfte Coachingqualitäten haben sollten. Sie sollen die Mitarbeiter als Coach - auf Augenhöhe - unterstützen und nicht top-down führen. Angenommen also, Unternehmen würden ihre Leute in Coaching-Ausbildungen schicken und diese Kompetenz zusammen mit der geballten Erfahrung für sich nutzen, statt die Mitarbeiter über 50, die sich weiterentwickeln wollen, loswerden zu wollen - wäre das nicht eine echte Win-win-Situation? Ich glaube: Ja.


P.S.: Eine kleine Anekdote aus meinem eigenen Lebenslauf: Ich habe mich mal als "Business Development Managerin" beworben und die Stelle auch gekriegt. Als ich im Vertrag auf einmal "Key Account Managerin" las, sprach ich meinen zukünftigen Chef verwundert darauf an. Seine Erklärung: "Oh, da haben wir den Vertrag wohl nicht angepasst - aber so oder so sind deine Aufgaben die gleichen." Manchmal sind also die "modernen" Berufsbezeichnungen auch nicht mehr als heiße Luft...

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Kommentare: 1
  • #1

    Carmen Fries (Donnerstag, 05 Februar 2015 09:40)

    Liebe Petra, liebe Isabelle,

    Ihr trefft den Nagel auf den Kopf und sprecht aus, was ich schon so oft dachte und beobachte. Danke für diese tolle Initiative! Freunde von mir stellten das auch fest und wir diskutierten noch vor kurzem, ob der Spruch "wer nichts wird, wird Wirt" angepasst werden sollte...
    So toll ich die Entscheidung jedes einzelnen, Coach zu werden, finde, so traurig ist oft der Anlass: Wie ihr schon schreibt, haben viele Arbeitnehmer der Generation 50+ derzeit noch nicht allzu viele Perspektiven. Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft hier bald umdenken wird/muss (sie ist schon dabei) und ihr leistet einen wertvollen Beitrag dazu. Auch ich bin der Meinung, dass der optimale Mix entsteht, wenn die verschiedenen Generation in der Arbeitswelt gemixt werden: Wir können alle voneinander lernen. Wie viele Coaches und Coachingverbände es in Deutschland gibt, weiss wohl keiner, hier ein noch - wie ich finde - wertvoller Artikel zu dem Thema: http://www.coaching-report.de/coaching-markt.html.

    Herzlich
    Carmen