Balance oder Integration - Eine Frage des Alters?

Isabelle Pfister schreibt:

Es ist wieder so weit: Jetzt zum Jahresanfang nimmt sich alle Welt vor, das Leben grundlegend (oder zumindest zu einem kleinen Teil) zu verbessern. Da steht dann auf der Agenda, mehr Sport zu treiben (vielleicht in diesem Jahr endlich den Marathon!?), sich gesünder zu ernähren (statt der schnellen Nudel doch mal ausgewogen kochen, natürlich mit Bioprodukten vom Markt), mehr Zeit für Familie und Freunde zu haben, mehr zu reisen und zu erleben und endlich dieses oder jenes private Projekt (Dachboden ausmisten, Fotoalben der letzten Urlaube erstellen, die Küche streichen…) zu vollenden. Die Erfahrung zeigt: spätestens in zwei Monaten sind die guten Vorsätze vergessen. Warum? Weil bei vielen Menschen mit ambitionierten Vorsätzen die Arbeit auch eine wichtige Rolle spielt und kaum Zeit und/oder Energie lässt, auch private Dinge voranzutreiben. Die Work-Life-Balance stimmt einfach nicht, weil die „Work“ längst auch ins „Life“ hineinragt. Kaum noch jemand kann doch von sich behaupten, dass die Arbeit tatsächlich am Arbeitsplatz bleibt – mit Smartphones ist man immer und überall erreichbar, auch per Mail und nach Feierabend. Nun ist das nicht per se schlecht und manchmal sogar ziemlich praktisch – wenn man nicht am Konzept der Balance festhält und die Bereiche „Work“ und „Life“ trennen will. Das funktioniert so nämlich nicht mehr, die Waage hängt permanent weiter nach unten auf der „Work“-Seite.

Die Lösung? Ich glaube, dass das bessere Konzept die „Work-Life-Integration“ ist, in dem beide Bereiche sich ergänzen statt sich konkurrierend gegenüberzustehen. Das heißt, auch mal vor Feierabend mit Freunden zu telefonieren, tagsüber Sport zu treiben oder die Kinder um 15 Uhr von der Kita abzuholen und dann abends, wenn die Kinder schlafen oder man am Nachmittag für den Marathon trainiert hat, noch mal zwei Stunden zu arbeiten. Das ist doch irgendwie lebensnäher und würde vielleicht auch ermöglichen, die guten Vorsätze tatsächlich mal zu leben, oder? Trotzdem ist mein Eindruck, dass vor allem ältere Generationen diesem Konzept und letztlich einer solchen Lebensweise noch sehr kritisch gegenüber stehen…

Liebe Isabelle,


ganz ehrlich: mal abgesehen davon, dass ich von diesen ganzen Neujahrsvorsätzen überhaupt nichts halte und schon gar nicht Pläne von einer lapidaren Datumsgrenze abhängig mache, ist die Umsetzung eher eine Frage der Prioritäten. Habe ich Lust Marathon zu laufen, dann bekomme ich das trotz Arbeit hin. Dadurch habe ich auch mehr Lust, mich gesund zu ernähren. Und die „Überall-Erreichbarkeit“ – auch die sehe ich eher gelassen, wenn ich einen Job gern mache und zufrieden bin, stört es mich nicht, wenn ich noch mal einen Post oder einen Blogbeitrag am Wochenende einschieben muss. Im Übrigen haben alle Geräte immer noch einen Ausschaltknopf, den ich gern auch mal bediene, wenn ich meine Ruhe haben möchte. So viel dazu, wie ich es persönlich sehe. Diese Ansicht ist sicher für meine Generation nicht zu verallgemeinern.

 

Wenn ich „Work-Life-Balance“ jedoch im Rückblick betrachte, dann sind wir in der Tat noch mit anderen Werten aufgewachsen. Es galt der Leitsatz „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Und – das darf man auch nicht vergessen, wir gehören noch zu einer Generation – das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen – da gab es noch keine Mails geschweige denn Mobil-Telefone.

Ich habe in Unternehmen gearbeitet, wo eine Zeituhr kontrolliert hat, ob ich auch wirklich meine festgelegte Arbeitszeit absolviert habe. Es war also überhaupt nicht daran zu denken, eine Mittagspause zu überziehen für einen entspannten Lauf oder etwas Privates zu erledigen, das über die normale Mittagspause hinausging. Auch über das pünktliche Erscheinen wurde sorgsam gewacht. Arzttermine oder anderes Privates wurden entweder vor dem Arbeitsbeginn oder nach der Arbeit erledigt. Arbeitskollegen, die Kinder hatten, mussten aushäusig organisieren, wer das Kind bei einem möglichen Ausfall der Kita oder Schule betreut. Wenn ein Termin tatsächlich nicht anders zu legen oder lösen war, dann musste man seinen Vorgesetzten fragen und hatte ewig ein schlechtes Gewissen – im Extremfall sogar Urlaub nehmen. Furchtbar!

Kurz: Ich kann nicht beurteilen, ob es viele Ältere gibt, die diesen Umbruch skeptisch sehen, ich kann nur sagen, ich bin sehr froh darüber. Ich glaube, dass wir eine „flexiblere Arbeitswelt“ nicht gelebt haben, hatte eher mit den starren Regeln der Unternehmen zu tun. Und – das darf man auch nicht vergessen, diese neue „Work-Life-Integration“ bedingt auch eine Eigenschaft, die nicht jeder hat – Selbstdisziplin. Ich glaube, das ist keine Frage des Alters!

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