Gibt es eine Chance für den Generationenmix?

© aeroking - Fotolia.com
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Petra Siemoneit schreibt:

Ich war neulich auf einer Veranstaltung eines namhaften Business-Portals, auf der eine Vertreterin der „Generation Why“ zu ihrer Einstellung, wie und mit wem sie arbeiten möchte, befragt wurde. Es kam die sehr freimütige Äußerung, dass sie am liebsten mit Gleichaltrigen arbeitet, weil sie sich unter ihresgleichen besser verstanden fühlt, da sie gleich ticken. „Denen muss ich nicht erklären, wie die Technik funktioniert“. Ein Einzelfall oder leider normaler Alltag in der heutigen Arbeitswelt, in der sich alles immer schneller dreht?

Diese Frage hat mich sehr beschäftigt, und auch ich habe mich natürlich gefragt: Bin ich gerüstet für den heutigen, sich immer schneller entwickelnden, digitalen Wahnsinn? Eine kleine Marktforschung in eigener Sache brachte doch einige Vorurteile über meine Generation zutage, die mich nicht wirklich überrascht haben, die ich aber sehr schade finde. Meinungen, wie „die können nicht mehr mithalten“, „die sind langsamer als die Jüngeren“ oder „die verstehen die Technik doch überhaupt nicht mehr“ schlugen mir mit eisernem Wind entgegen. Zugegeben, wir – das ist die Generation 50+ - sind nicht auf das Display guckend groß geworden. Ich kenne sogar noch elektrische Schreibmaschinen und bin heilfroh, dass diese Ära vorbei ist. Ich finde die heutigen Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren, Wissen im Internet aufzubauen, sich kurz über WhatsApp auszutauschen, in Clouds zu arbeiten und per Facetime und Skype mit Freunden aus Shanghai oder sonst wo zu telefonieren, total genial. Ich selbst bin im Onlinemarketing tätig, und immer wieder überwältigt davon, was heute technisch möglich ist, um Kunden jeder Art zu erreichen. Ich muss aber zugeben, das wird in dem Teil meines Freundeskreises, der in meinem Alter ist, nicht immer so gesehen. Da sind oftmals Berührungsängste mit der Technik und Vorbehalte, dass persönliche Daten im Internet nicht sicher sind. Die große Angebotsflut wird als Überforderung empfunden. Neue Geräte, wie z.B. Handys werden „immer komplizierter“ oder haben Eigenschaften, die „kein Mensch braucht“.


Dennoch, viele Menschen in meinem Alter sind durchaus offen für die neue Welt. Sie sind bereit, sie sich von den sogenannten „Digital Natives“, also der Generation, die mit dem Internet und seinen unendlichen Möglichkeiten völlig selbstverständlich groß geworden sind, erklären zu lassen. Ob wir wirklich langsamer sind, wäre einen Test wert. Dafür können wir aber Rechtschreibung ;) und über den Tellerrand denken.


Was ich mir wünschen würde? Wege finden – vor allem in der Arbeitswelt -, wie man die Erfahrung der Über-50jährigen, also der nachdigitalisierten Generation und die Innovation der „Generation Why“, der digitalen Natives, konstruktiv zusammen bringt und im besten Fall - miteinander - Möglichkeiten entwickelt, wie man seinen Arbeitsplatz sinnvoll und für das Unternehmen wirtschaftlich miteinander gestaltet.

Liebe Petra,

die Aussage meiner Altersgenossin hat dich sicherlich nicht ganz kalt gelassen – das kann ich gut verstehen! Ich glaube aber, du (und alle anderen „Älteren“) sollten sich das nicht allzu sehr zu Herzen nehmen – ich kenne genug Leute in meinem Alter, die sich auch mit älteren Kollegen sehr gut verstehen und gern von ihrem Erfahrungsschatz profitieren. Die Wahrheit liegt also vermutlich irgendwo zwischen Einzelfall und Alltag – wie so oft, wenn es um meine Generation und ihre Einstellungen, Wünsche und Aussagen geht.


Klar, die Vorurteile, die du in deiner kleinen Feldstudie zu hören bekommen hast, kenne ich auch. De facto ist es ja auch so, dass ältere Menschen oft länger brauchen, um das neue Smartphone oder den neuen Flachbildschirm mit USB-Anschluss und LED-Backlight zu verstehen – das geht mir aber auch schon so (und ich bin noch unter 30!). Neurologisch betrachtet muss das aber auch so sein, denn wirklich schnell und effektiv kann man nur bis 25 lernen – danach wird’s für alle schwerer, weil das Gehirn nicht mehr so flexibel ist. Natürlich haben wir, die wir mit Internet und Smartphone aufgewachsen sind, im Moment einen Heimvorteil, wenn es um neue technische Geräte geht – aber ich glaube fest daran, dass wir in 20-30 Jahren genauso die Erfahrung machen, nicht mehr so schnell mit den Jüngeren mitzukommen. Von daher: Selbst wenn ihr manchmal länger braucht (und das stimmt ja auch nicht für alle) – that’s life. Dafür habt ihr ganz andere Erfahrungen gemacht und Mittel kennengelernt, die durchaus auch ihren Reiz haben. Schreibmaschinen z.B. sind gerade wieder im Kommen, habe ich kürzlich gelesen – weil da keine 10 Anwendungen parallel laufen und man sich nur auf das Schreiben konzentrieren kann. Du siehst also, nicht alles, womit ihr früher gearbeitet habt, ist heute out.


Dass wir keine Rechtschreibung können, möchte ich so nicht stehen lassen! Im Gegensatz zu uns hattet ihr klare Regeln, an denen ihr euch orientieren konntet – in meiner Schulzeit gab es die große Rechtsschreibreform, nach der keiner mehr wusste, ob man nun „radfährt“ oder „Rad fährt“. Kein Wunder, dass wir da durcheinander kommen (oder durcheinanderkommen?)! Ein ähnliches Phänomen übrigens wie bei den Firmen, die sich jetzt beschweren, die Berufseinsteiger seien so unselbstständig, die vor ein paar Jahren aber noch die Bologna-Reform gefordert haben… Aber das ist vielleicht ein Thema für sich.


Deinen Wunsch nach konstruktiver Zusammenarbeit und Gestaltung des Generationenmiteinanders auch am Arbeitsplatz kann ich gut nachvollziehen. In der brand eins vom September war ein interessanter Artikel, der zeigt, wie die Unterschiede genutzt werden können: Im Reverse Mentoring lassen sich Führungskräfte von jüngeren Kollegen das Web 2.0 erklären – ein Konzept, das im dargestellten Unternehmen sehr gut angenommen wurde und beide Seiten begeisterte. Generell ist Mentoring eine tolle Sache, um unterschiedliche Generationen einander näher zu bringen – davon profitieren immer Mentee und Mentor/in. Es fördert dabei nicht nur den Erfahrungsaustausch, sondern hilft ganz nebenbei auch, bestehende Vorurteile abzubauen. Das, so wird auch im brand eins-Artikel Prof. Ellwart von der Universität Trier zitiert, ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Generationenmix nicht ganz unerheblich: Denn wie so oft im Leben kommt es auch hier auf die Einstellung der beteiligten Personen an – wenn sie daran glauben, dass es funktionieren und sogar hilfreich sein kann, wird es auch so sein. Wer hingegen dem Gegenüber voreingenommen begegnet, wird dies auch bestätigt bekommen – weil seine Wahrnehmung genau darauf aus ist.


Also, lass‘ uns Vorurteile abbauen und in den Austausch gehen – dann ist der Generationenmix nicht nur eine Chance, sondern ein großer Gewinn!

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