Zeitsouveränität: Recht oder Fähigkeit?

© alphaspirit - Fotolia.com
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Am Freitag werde ich, als Vertreterin der Generation Y, beim Freiheitskongress der Grünen über Zeit sprechen. Gemeinsam mit Prof. Mückenberger beleuchten wir in der Diskussion, welchen Einfluss die Politik nehmen kann auf Burn-Out-Rate, Optimierungszwang und inneren und äußeren Leistungsanspruch. Grund genug, sich heute schon einmal über Zeitsouveränität Gedanken zu machen. Darunter versteht man zunächst einmal die Selbstbestimmung des Individuums über die eigene Verwendung der Zeit. Für mich als Angehörige der Generation Y ist das, neben der Selbstbestimmung über den Arbeitsort und das Zeitvolumen, ein sehr hohes Gut. Warum? Weil sich die Werte, die uns wichtig sind (Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit, Engagement, Freundschaft, Familie, Gesundheit, Abwechslung und Vielfalt) viel besser leben lassen, wenn wir selbst über Zeit und Ort unserer Arbeit bestimmen kann. Die Frage danach, welche Rolle die Politik dabei spielen kann, habe ich gestern auch einmal generationenübergreifend beim intrinsify.me-Stammtisch hier in Hamburg diskutiert.

Zeitsouveränität ist kein generationenspezifisches Anliegen

Die erste Erkenntnis am gestrigen Abend: Das ist ein Thema, das nicht nur die Generation Y betrifft, sondern alle, die die entsprechenden Werte teilen. Dass ich selbst unter der Generation Y nicht eine ganze Geburtenkohorte verstehe, sondern nur eine kleine Gruppe davon, dafür aber auch durchaus Ältere (und Jüngere) dazu zählen würde, habe ich an anderer Stelle schon dargestellt. Und auch in der Diskussion gestern mit Jahrgang '67 und '68 zeigte sich wieder: Die Möglichkeit, frei über die Nutzung der eigenen Zeit zu entscheiden, ist heutzutage generationenübergreifend relevant; für viele Wissensarbeiter ist sie bereits Alltag. Allein durch den technischen Fortschritt in den letzten Jahren, der die Grenze zwischen "Work" und "Life" immer mehr verschwimmen lässt (deswegen bin ich auch für Work-Life-Integration, und nicht für die oft genannte Balance), muss die Frage nach der Verteilung und Nutzung der Zeit anders als früher betrachtet werden. Während man früher in der Freizeit wirklich frei hatte (und Post und Telefon einen nicht überall hin begleiteten), ist man heute immer und überall erreichbar. Und wenn man seinen Job mag und darin Erfüllung findet, will man das vielleicht sogar! Tut sich also die Frage auf: Wie mit der ständigen Erreichbarkeit umgehen?

 

Die größte Herausforderung: die eigene Kompetenz

Es geht also viel mehr darum, Zeitsouveränität als Fähigkeit zu begreifen, mit der eigenen Zeit sinnvoll umzugehen. Die entsprechenden Rahmenbedingungen helfen, sie zu ermöglichen - aber wirklich relevant ist der individuelle, achtsame Umgang mit Zeit. Nur wenn der gelingt, ist Zeitsouveränität auch eine Chance auf ein gesundes, erfülltes und zufriedenes Leben. Gerade in meiner Generation ist das häufig ein Problem: Nämlich immer dann, wenn wir von den vielen Möglichkeiten, die sich uns bieten, in den 24 Stunden des Tages möglichst viel unterbringen wollen - und uns dabei entweder total überfordern oder regelrecht gelähmt gar nichts mehr auf die Reihe kriegen (auch FOMO genannt).

 

Welche Ansatzpunkte gibt es für die Politik?

Gestern Abend sind wir immer wieder bei einem Dreh- und Angelpunkt gelandet: Kompetenzen stärken. Schon Kinder sollten in Kindergarten und Schule darin trainiert werden, mit der täglichen Reizüberflutung umzugehen. Das kann im Rahmen einer Medienkompetenz erlernt werden, geht aber eigentlich noch darüber hinaus. Letztlich geht es darum, die Ich- oder Selbst-Kompetenz zu stärken und die Menschen zu befähigen, auf sich selbst zu hören, was sie wann brauchen. Ähnlich wie die grundlegendsten Bedürfnisse Hunger und Durst, die wir am Anfang unseres Lebens ganz bedarfsorientiert regulieren können, sollte auch der Umgang mit unendlich vielen Umweltreizen sich am individuellen, situationsabhängigen "Bedarf" orientieren. Das heißt, die Politik sollte bereits in der frühkindlichen Bildung ansetzen und darauf hinwirken, dass diese Fähigkeiten gestärkt werden. Darüber hinaus kann sie natürlich immer wieder Impulse geben, die den Menschen eine andere Haltung präsentieren - so wie die Veranstaltung, bei der ich am Freitag sprechen werde. Ein weiterer Vorschlag, den ich aber evt. am Freitag noch nicht vorbringe (erscheint mir doch sehr revolutionär): Geld abschaffen, um den ständigen Leistungsdruck in der Gesellschaft zu entschärfen...

 

Kurzum: es war eine interessante Diskussion, auf deren Fortsetzung ich mich - dann im größeren Rahmen - freue. Ich werde berichten...

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