Generation Y = "Angepasste Okay-Studenten"? So einfach ist das nicht.

© Photographee.eu - Fotolia.com
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Es ist mal wieder so weit: Ein Text geistert durch die Medien, über die angebliche Generation Y, und ich fühle mich, als Vertreterin dieser (?) Generation dazu verpflichtet, darauf zu reagieren. Ich rede von dem Buchauszug von Christiane Florin, Redaktionsleiterin von "Christ und Welt" in der ZEIT und Lehrbeauftragte für Medienpolitik und Medienkultur an der Universität Bonn. Unter dem Titel "Generation Y: Die angepassten Okay-Studenten" erschien dieser Anfang der Woche und lässt, wie vermutlich auch das Buch selbst, kein gutes Haar an den heutigen Studenten. Deren einziges Lernziel, so Florin, sei "Okaysein". Mh. Als Dozentin und Lehrbeauftragte mache ich regelmäßig andere Erfahrungen; und auch aus meiner eigenen Studienzeit, die noch nicht so lange zurückliegt und die (so wie ich) ganz bestimmt noch zur Generation Y gehört, erinnere ich andere Dinge... Ist es wirklich so schlecht bestellt um die Studierenden in Deutschland?

Die Kanzler in die richtige Reihenfolge bringen können - wozu?

Als Beispiel für die Wissensunlust führt Florin an, ihre Studenten hätten kein Interesse daran, die Reihenfolge der deutschen Bundeskanzler zu kennen. Vermutlich würde man damit in "Wer wird Millionär" gut da stehen und sich aus der Menge der Bewerber auf den begehrten Quizstuhl katapultieren - aber welchen Nutzen hat es sonst, eine Information parat zu haben, die ich in 99% der Situationen, in denen ich sie brauche, schnell online finden kann? Denn, mal im Ernst, wann fallen denn schon eine Diskussion über die deutsche Innenpolitik und ein Stromausfall, ein Funkloch oder ein leerer Akku zusammen? Und, mal Hand auf's Herz, liebe ältere Semester, wer von euch hat diese Information, gelernt hin oder her, schneller parat als die Finger im Smartphone Google aufrufen? Ich glaube, Ersteres ist extrem selten, und zweitens sind meistens die Finger schneller. 

 

Von stillen Wassern und gelöschtem ideologischem Feuer

Nun gut, Kanzlerreihenfolge hin oder her - eigentlich geht es Florin um etwas anderes (glaube ich). So beklagt sie: "Das ideologische Feuer von einst wurde mit stillem Wasser gelöscht. Übrig geblieben ist Pragmatismus. Man könnte auch sagen: Überraschungsresistenz." Ich habe dem drei Dinge entgegen zu setzen:

  1. Dieser Pragmatismus ist häufig ein Ausdruck eines optimierten Selbstmanagements. Wie sonst sollen die Studierenden heute, in Zeiten von Bachelor und Master, allen universitären Ansprüchen genügen? Wenn die Zeit kaum reicht, um neben der Uni auch noch zu jobben und ein bisschen Sport zu treiben, kann man wohl kaum verlangen, dass die Studierenden in ihrer Freizeit auch noch Hans Magnus Enzensbergers Essays zu lesen und daraus politische Aktionen abzuleiten und zu organisieren. Zu Zeiten von Magister und Diplom (und der freien Zeiteinteilung) war das noch ganz anders - da konnte man als Student seine Zeit nach den eigenen Prioritäten verteilen.
  2. Trotzdem erlebe ich in meiner Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen immer wieder sehr engagierte Studierende, die kritisch hinterfragen, was sie vorgesetzt bekommen und diese Kritik auch offen formulieren. Hilfreich dafür ist natürlich eine Hochschulkultur, die das unterstützt und bei denen die Verantwortlichen auch ansprechbar sind. Bestes Beispiel für einen kritischen Studenten: Ben Paul von anti-uni.com.
  3. Ideologie wird heute anders gelebt, moderner und ruhiger. Da unterschreibt man vielleicht einfach bei Campact und verbreitet den Link auf Facebook, anstatt mit einer Unterschriftenliste über die Wochenmärkte zu ziehen... Und, nicht zu vergessen: Einiges von dem, was früher diskussionswürdig war, ist es heute vielleicht auch einfach nicht mehr. Während unsere Eltern noch für Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen Atomkraft demonstrierten, bleibt uns heute manchmal nur der Dank für das Erreichte. Die Themen, die heute diskussionswürdig sind, werden durchaus disktutiert - aber vielleicht auf anderen Plattformen als früher.

 

Studenten der Generation Y mögen genaue Handlungsanweisungen?

Ja vielleicht, aber war das jemals anders? Ich glaube, es ist unfair, hier alle über einen Kamm zu scheren und diese "Handlungsunfähigkeit" einer ganzen Generation zuzuschreiben. Vielmehr nehme ich an (zugegeben: ob meines relativ jungen Alters habe ich keine Beweise dafür), dass es schon immer so war, dass manche Studierende von sich aus geleistet haben, was man von ihnen erwartet hat; andere hingegen eine explizite Aufforderung dazu brauchten. Vermutlich ist das der Grund, warum auch früher schon Anwesenheitslisten existierten. Und den Spruch "Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss" gibt es auch nicht erst seit der Generation Y, oder?

 

Das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung?

Stichwort "Erwartungen": Es gibt in der Psychologie das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung. Das beschreibt, dass Menschen sich häufig so verhalten, wie ich es von ihnen erwarte, genau weil ich es von ihnen erwarte. Denn diese Erwartung bestimmt meine Interpretation des Verhaltens meines Gegenübers, die wiederum bestimmt meine Reaktion auf diese Person, und meine Reaktion führt zum (erwarteten) Ergebnis. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade dieses Phänomen auch an deutschen Hochschulen häufig greift. Wenn Frau Florin nicht von vornherein davon ausgehen würde, dass ihre Studenten nicht über die deutsche Innenpolitik diskutieren will, sondern einfach mal vorbehaltlos ins Gespräch geht (und, zur inhaltlichen Unterstützung Smartphones zulässt), könnte ich mir vorstellen, dass sie genau das kriegt: eine Diskussion über die deutsche Innenpolitik mit Studenten von heute, die sie vielleicht sogar mit einer eigenen Meinung überraschen. Wäre vielleicht ein Versuch wert, oder?

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Kommentare: 1
  • #1

    Ben (Donnerstag, 04 September 2014 20:16)

    Schöner Artikel und danke für die Erwähnung!