Das Runde muss ins Eckige - Fußball als generationenverbindendes Element

© Marina Lohrbach - Fotolia.com
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Seit drei Wochen ist die Welt im Fußballfieber. Die Weltmeisterschaft in Brasilien ist das Thema: in allen Tageszeitungen, in Büros, Kneipen und Cafés, auf Baustellen und in Behören, Schüler, Studenten, Anwälte, Maler, Friseure, Rentner - alle reden nur vom Fußball.  Als bekennend Fußball-Desinteressierte frage ich mich manchmal: Warum eigentlich die ganze Aufregung? Hat die Welt nicht andere Probleme, gibt es nicht andere Themen, die wichtiger sind als die Tatsache, wie oft dieser kleine Ball nun in das linke oder rechte Tor geschossen wurde? Hat sie, dessen bin ich mir sicher - aber doch komme ich nicht umhin, auch die Funktion dieser aktuellen Fußball"wahns" zu erkennen.  Deswegen widme ich diesen Blogartikel dem aktuell wichtigsten Thema der Welt: dem Fußball.

Der Ball ist rund, das Tor ist eckig und das Spiel dauert 90 Minuten

In einer komplexen Welt wie unserer heute ist ein Fußballspiel erfrischend einfach strukturiert. Abgesehen vom Abseits sind die Regeln klar und für jedermann nachvollziehbar. Als Zuschauer ist man entweder für die eine oder für die andere Mannschaft, da gibt's nur schwarz oder weiß. Man kann maximal noch darüber philosophieren, welche Vor- und Nachteile welcher Spieler für das Spiel hat (oder, wenn er auf der Bank sitzt, hätte), aber eigentlich ist die Sache klar: Der Ball ist rund, das Tor ist eckig und das Spiel dauert 90 Minuten.

 

Fußball strukturiert die Zeit

Will man sich dieser Tage mit Fußballinteressierten verabreden, werden die Spielzeiten eigentlich immer miteinbezogen. Will man ein bestimmtes Spiel sehen, werden alle anderen Freizeitaktivitäten drum herum geplant. Insbesondere wenn Deutschland spielt, ist klar: jetzt läuft Fußball. Punkt. Da gibt es nichts anderes. Als ich während des ersten Deutschlandspiels meine Wohnung geputzt habe (und nicht wie 90% der Deutschen vor dem Fernseher hing), kam ich mir vor wie eine Zeitdiebin. Es ist ein bißchen wie mit dem sonntäglichen Kirchgang zu Großmutters Zeiten: in diesen 90 Minuten gibt es nichts anderes zu tun. Und wenn man doch etwas anderes macht, spricht man besser nicht darüber.

 

Vor Gott und im Fußballwahn sind wir alle gleich

Wenn man sich für Fußball interessiert, ist man dieser Tage weiß Gott nicht allein. Nahezu alle verfolgen die WM, und jeden Morgen kann man sich über die letzten Spielergebnisse austauschen. In fast jedem Unternehmen gibt es Tippgemeinschaften (in denen häufig die blutigen Anfänger gewinnen), alle fiebern mit. Fußball ist ein Thema, das über alle Schichten und Generationen hinweg die Menschen vereint. Wo sich sonst einander unbekannte Menschen jahrelang im Fahrstuhl anschweigen und mit allen Mitteln den Blickkontakt vermeiden, liegen sich abends wildfremde Leute in den Armen und feiern gemeinsam. Fußball schafft ein soziales Event, in dem sich niemand darstellen muss. Und wenn, dann passiert das nur durch die inzwischen massentaugliche schwarz-rot-goldene Uniformierung.

 

Kann man auch ohne Fußball überleben?

Ja, aber es macht den zwischenmenschlichen Kontakt schwer. Am Dienstag nach dem ersten Deutschlandspiel hatte ich eine Nachricht von einer Kooperationspartnerin auf meiner Mailbox: "Hallo Frau Müller - Müller, was für ein Name an einem Tag wie heute!". In solchen Momenten ist es schon gut zu wissen, dass Thomas Müller am Tag zuvor drei Tore geschossen hat - weil es den täglichen Smalltalk so viel einfacher macht. Und so ganz einmal will man seine Abende ja auch nicht verbringen. Außerdem kann man nebenbei wunderbar beobachten, wie das gemeinsame Erlebnis Fußball auch diejenigen verbindet, die sonst in ihren Ansichten so weit auseinander sind, dass man sich keinen Brückenschlag vorstellen kann: die Babyboomer und die Generation Y. Wäre doch schön, wenn irgendwann in der Zukunft auch die gemeinsame Arbeit als ein solch verbindendes Moment verstanden werden würde... 

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