Generationen-Gespräch: Die Babyboomer und was danach kommt...

Samstag Abend, Campus der Bucerius Law School. Der Sommersalon Parlando lockt mit einem Feuerwerk an Vorträgen, Diskussionen und musikalischen Elementen, es werden Gedichte vorgetragen, und natürlich darf in einem Sommer wie diesem das Thema Fußball (und ein Public Viewing des Spiels Chile vs. Australien) nicht fehlen. Eine Veranstaltung hat mein Interesse naturgemäß besonders geweckt: das Generationen-Gespräch. Auf dem Podium: Kerstin Bund, Autorin des Buches "Glück schlägt Geld" und Jahrgang 1982, ihres Zeichens Vertreterin der Generation Y; Dr. Hariolf Wenzler, Geschäftsführer der Bucerius Law School und - geboren im Jahr 1967 - Babyboomer; sowie Prof. Dr. Jürgen Schupp, Direktor des DIW Berlin und verantwortlich für das sozio-oekonomische Panel und somit für die Zahlen, Daten und Fakten in der Diskussion. Es moderiert (übrigens auf großartige Art und Weise) Bettina Less vom NDR. Im Publikum: Babyboommer ebenso wie Millenials (Angehörige der Generation Y), die Stimmung ist heiter bis aufgeregt, und im Laufe des Gesprächs entfacht sich eine leidenschaftliche Diskussion.

Babyboomer: "Wir sind viele!"

Die Babyboomer sind viele. Hariolf Wenzler hat das zum Beispiel daran gemerkt, dass er mit 600 Personen im Hörsaal saß und die Wohnungssuche zu Studienbeginn alles andere als leicht war. Der geburtenstärkste Jahrgang (1964) feiert in diesem Jahr viele 50. Geburtstage und steht damit in der Mitte des Lebens - und mittendrin in Gesellschaft und Arbeitswelt. Auch wenn Wenzler selbst nicht davon betroffen war, hat er schon mitgekriegt, dass viele Altersgenossen sich nicht aussuchen konnten, wo sie beruflich einsteigen. In seiner Einschätzung ist deswegen die Leidensfähigkeit seiner Generation und die Bereitschaft zur Flexibilität größer als bei Jüngeren. Auch wenn die Rahmenbedingungen heute deutlich besser sind (z.B. zur Vereinbarkeit von Familie und Studium/Beruf) und die Grenzen des Wachstums damals schon klar waren, waren auch die Babyboomer in jungen Jahren optimistisch, berichtet Jürgen Schupp. Zwar seien die Babyboomer im Mittel generell eine eher unideologische und pragmatische Generation, aber gewisse postmaterialistische Orientierungen habe es auch bei ihnen gegeben. Eine Frage, die Schupp aufwirft: Ist der Postmaterialismus, den wir gerade bei der Generation Y beobachten, am Ende nur ein Alterseffekt?

 

Generation Y: "Wir sind wenige!"

Hariolf Wenzler gibt - mit einem Augenzwinkern - zu bedenken: Die Generation Y, das ist doch eigentlich nur ein Bruchteil der tatsächlichen Generation; das ist doch nur eine kleine Gruppe wohlhabender Kinder aus Winterhude (für alle Nicht-Hamburger: Winterhude ist ein eher akademisch geprägter Stadtteil mit entsprechendem Wohlstand). Dass er - zumindest was den Bruchteil angeht - Recht hat, ist unumstritten. Kerstin Bund setzt dem aber entgegen: Ja, das stimmt - aber die 68er waren auch nur ein kleiner Anteil ihrer Alterskohorte, und trotzdem haben sie Spuren hinterlassen. Ähnlich, so Bund, wird es auch mit der "Generation Y" sein, die irgendwann in bedeutenden Positionen sitzen wird und dann die Arbeitswelt langfristig verändert - und dann auch Vorstellungen und Wünsche der Älteren, wie z.B. nach einer guten Work-Life-Balance, realisiert. Eben weil sie von ihren Eltern nicht nur das ewige Mantra "euch soll es einmal besser gehen als uns" mitgekriegt haben, sondern durch die Erziehung der Babyboomer auch das nötige Selbstbewusstsein, ein Mitspracherecht einzufordern. Zudem gibt es heute andere Lebensformen, die ein Umdenken erfordern: Wenn Väter nicht mehr Alleinverdiener sein wollen, wenn Frauen trotz der Kinder weiter arbeiten wollen... All das wird nach und nach in die Unternehmen getragen, und die müssen (und wollen ja auch ganz oft) neue Wege gehen und ihren Mitarbeitern entgegen kommen. Eine Frage aber bleibt: Welchen Alterungsprozess wird die Generation Y in den nächsten 20 Jahren durchmachen?

Führen wir eine romantisch-verklärte Diskussion?

Mitten in einem hitzigen Schlagabtausch mit dem Publikum stellt Dr. Wenzler, Advocatus Diaboli des Abends, dann diese Gretchenfrage. Sein Vorwurf: Die Diskussion um und mit der Generation Y würde immer nur danach fragen, wie wir leben wollen, sich aber dem Wovon (wollen wir leben?) verwehren - und damit sehr romantisch anmuten. Alles sei schön und heimelig, aber keiner mache sich Gedanken um die ökonomischen Notwendigkeiten. Das stimmt so nicht, entgegnet Kerstin Bund. Es geht ja nicht darum, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, sondern vor allem darum, sinngetriebene Arbeit zu ermöglichen. Ich möchte an dieser Stelle gern ergänzen: Genau, und Beispiele wie dm oder andere Unternehmen, die sich um Selbstbestimmung und Sinnhaftigkeit bemühen und diese leben, zeigen, dass man damit auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Viele (Babyboomer) unterstellen ja gern, dass die Wertschöpfung in den Keller geht, wenn Arbeit Spaß macht - dabei kann intrinsinsche Motivation große Potentiale freisetzen. Wer in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit (um nichts anderes geht es ja, wenn über die Generation Y gesprochen wird) nur über Work-Life-Balance und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spricht, denkt meiner Meinung nach zu kurz.

 

Ein versöhnlicher Abschluss

Es war eine leidenschaftliche Diskussion, die das Publikum mitgerissen hat. Um so schöner sind die Zugeständnisse der einzelnen Protagonisten zum Abschluss. Herr Wenzler findet an der Generation Y besonders gut, dass sie eine Vorstellung von ihrem Leben formuliert und dafür einsteht und gesteht: so unterschiedlich sind unsere Vorstellungen doch gar nicht. Herr Schupp bewundert, dass es für die Lebensentwürfe der Generation Y keine Grenzen gibt und äußert sogar die vage Hoffnung, dass die Welt durch sie ein bisschen friedlicher wird. Und Kerstin Bund zeigt sich anerkennend und dankbar gegenüber den Babyboomern: diese hätten uns, vor allem als Eltern, viele Türen geöffnet und Freiheiten ermöglicht. Es zeigt sich also wieder einmal: So weit sind wir nicht auseinander, und eigentlich mögen wir uns doch. Wünschenswert wäre aber, nicht immer nur über die obligatorische Wohlfühlatmosphäre mit all ihren Obstkörben, Kickern und natürlich einer ausgeprägten Work-Life-Balance zu sprechen und sich daran festzubeißen, sondern tatsächliche inhaltliche Veränderungen für sinnhaftes und selbstbestimmtes Arbeiten zu thematisieren.

 

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