Klassentreffen der "New-Work-Bohème": Work in Progress 2014

Foto: Kerstin Behrendt
Foto: Kerstin Behrendt

Es war wie ein großes Klassentreffen, am vergangenen Freitag: Die Hamburg Kreativ Gesellschaft und Kampganel luden zum Kongress "Work in Progress", und viele bekannte Gesichter waren da und lauschten Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen zu verschiedenen Themen. Die Frage über allem: Was macht gute Arbeit aus? Dabei wurden philosophische Überlegungen ebenso zu Rate gezogen wie Perspektiven aus Wirtschaft, Soziologie und Kultur. So ergab sich ein bunter Blumenstrauß aus Denkansätzen, der inspirierte und weitere Diskussionen im kleinen Kreis anregte. Abgerundet wurde der Tag mit einer filmisch-satirischen Betrachtung der Arbeitsmoral - der perfekte Abschluss für einen Tag, an dessen Ende auch ein bißchen der Kopf rauchte.

Foto: Kerstin Behrendt
Foto: Kerstin Behrendt

Keynote: Über die neue Unfähigkeit, mit dem Unguten umzugehen

Den Auftakt machte an diesem Tag Prof. Dr. Robert Pfaller mit seinen Überlegungen zum schönen halben Leben. Er beobachte heutzutage eine neue Fantasie der Reinheit, die sich auf gesundheitliche, moralische und ästhetische Aspekte beziehe und oftmals in einer "Gedankenpanik" ende. Die Menschen würden die Prinzipien der Reinheit verabsolutisieren und alles dafür opfern - weil sie ihr Leben erhalten wollten und große Angst vor der Sterblichkeit hätten. Nur am Wochenende würden wir Führungskraft unseres Lebens und unsere Souveränität wieder erlangen. Gerade die Unterbrechungen des Alltags, das "Heilige im Alltagsleben" sei das, wofür es sich lohne zu leben - auch wenn dieses Heilige (wie z.B. das Bier am Abend) negative Seiten habe. Entgegen dem Reinheitsfanatismus gäbe nun aber die Kultur den Individuen den Genussbefehl, und nicht etwa die Arbeit. Müßiggang, so Prof. Pfaller, sei also die Kehrseite des heutigen Arbeitslebens und damit erstrebenswert.

 

Gegenstandpunkt: Work-Life-Bullshit

Gewissermaßen den Gegenstandpunkt zu Prof. Pfaller lieferte Thomas Vašek, der sich im gleichnamigen Buch gegen die Unterteilung in Arbeits- und Freizeitleben argumentiert. Seiner Meinung nach ist die Arbeit für das Leben extrem wichtig, sie sei das "vehikel, etwas aus seinem Leben zu machen". Eine Unterscheidung im Sinne der Work-Life-Balance kann er daher nicht unterstützen - für ihn gehört Arbeit untrennbar zu einem guten Leben. Gute Arbeit sieht er dann gegeben, wenn Fähigkeiten entfaltet werden können, darüber Anerkennung vermittelt wird und uns die Arbeit mit Menschen zusammen bringt, die wir sonst vielleicht nicht getroffen hätten.

 

Debatte: Ist Arbeit nur das halbe Leben?

In der anschließenden Debatte (die kaum ein Streitgespräch war), waren sich beide Referenten einig, dass die Schwierigkeit insbesondere für freie Berufe darin liege, sich selbst eine Struktur zu schaffen, innerhalb derer man so arbeiten könne, dass die Arbeit nicht zu viel werde. Burn-Out, so Vašek, entstehe nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch in der Freizeit und vor allem aus dem Schamgefühl heraus, nicht alles zu schaffen, was man will - deswegen müsse man auch Freiheit schulen. Wichtig sei darüber hinaus hin und wieder die Fähigkeit, wie "ein gütiger Vater" auf sich selbst herabzublicken.

Foto: Kerstin Behrendt
Foto: Kerstin Behrendt

Gute Unternehmen

Der erste Schwerpunkt am Nachmittag befasste sich mit Aspekten, die gute Unternehmen ausmachen. Es sprachen dazu Magdalena Bethge über ihre Arbeit als Feelgood-Managerin bei Jimdo, Daniel Rahaus über Charakteristika sozialer Sinnunternehmen und Bernd Oesterreich über neue Ansätze für Führung und Management. In der anschließenden Diskussion mit Unternehmensvertretern von Tchibo und Google ging es dann um die Frage, wie diese sich als gute Arbeitgeber positionieren. Eine Formel für gute Arbeit wurde zwar gesucht, aber nicht eindeutig festgehalten.

The Great Transition: Wege in die neue Arbeitsgesellschaft

Im zweiten Schwerpunkt des Tages stellte zunächst Frau Prof. Beate Zimpelmann ihr Modell der ganzen Arbeit vor, das nicht nur bezahlte Erwerbsarbeit, sondern auch Sorge-, Eigen- und Gemeinschaftsarbeit berücksichtigt und vor dessen Hintergrund Prof. Zimpelmann eine Arbeitszeitverkürzung für alle Generationen und geschlechterübergreifend fordert. Prof. Sascha Liebermann erläuterte nachfolgend, warum er hingegen ein bedingungsloses Grundeinkommen befürwortet und nicht eine einfache Verkürzung der Arbeitszeit. Im anschließenden Streitgespräch ging es hoch her, ein wirkliches Zusammenkommen beider Positionen gab es nicht.

 

Und zum Schluss: Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral

Mit Konstantin Feigles "Frohes Schaffen" endete der Work in Progress für mich - eine herrlich humorvolle Gegenüberstellung von Arbeit als Religion auf der einen und Müßiggang als Lebensinhalt auf der anderen Seite!

 

 

Danke an Kerstin Behrendt für die Erlaubnis, ihre wunderbaren Fotos nutzen zu dürfen!


 

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