Wenn das Denken dem Handeln folgt und ein ungeliebter Job trotzdem der Job bleibt

© nuttapongg
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Ich frage mich oft, warum manche Menschen in einem Job festhängen, der sie offensichtlich nicht glücklich macht. Für mich als typische Vertreterin der Generation Y ist es unerklärlich, warum sie nicht den Weg heraus finden aus einer Situation, die ihnen nicht gut tut und über die sie sich in regelmäßigen Abständen beschweren. Sagt man diesen Leuten dann: Such' dir doch einen neuen Job, bewirb' dich woanders und sieh' zu, dass du da raus kommst, passiert, abgesehen von leise gemurmelter Zustimmung: nichts. Nicht selten zieht sich so eine Unzufriedenheit über Jahre, und trotzdem passiert: nichts. Warum ist das so?? In der Psychologie gibt es dafür eine Erklärung: die Theorie der kognitiven Dissonanz. Die beschreibt, warum manchmal Denken und Fühlen dem Handeln angepasst wird und nicht, entgegen der intuitiven Logik, andersherum...

 

Kognitive Dissonanzreduktion

Der Begriff geht zurück auf den US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger. Als kognitive Dissonanz beschrieb er einen Zustand, in dem verschiedene Gedanken, Wahrnehmungen und Einstellungen widersprüchlich zueinander und zum eigenen Handeln sind und für ein unwohles Gefühl sorgen. Um nun diesen Zustand aufzulösen, kann entweder das Verhalten geändert werden - oder das Denken wird angepasst. Dann werden entweder negative Gedanken geschwächt (nach dem Motto: so schlimm ist es doch gar nicht), oder es werden positive Gedanken hinzugefügt bzw. besonders betont.

 

Das klassische Experiment

In einem einfachen Experiment haben Festinger und Carlsmith diese Theorie empirisch bestätigen können. Sie ließen Versuchspersonen stupide, monotone Aufgaben durchführen: Sie drehten Schrauben in ein Brett und wieder hinaus. Nach Beendigung dieser Aufgaben bewerteten alle Versuchspersonen diese sehr negativ. Einige Zeit später wurden sie gebeten, neue Versuchspersonen anzuwerben - dazu mussten sie besonders positiv von dem Experiment berichten. Während die eine Hälfte dafür $20 bekam, bekam die andere nur $1. Im Nachhinein bewerteten diejenigen, die nur $1 für die Anwerbung neuer Versuchspersonen erhalten hat, die eigentliche Aufgabe sehr viel positiver als vorher. Was war passiert? $20 "rechtfertigten" die Lüge, so dass diese Teilnehmer mit sich und ihren Einstellungen im Reinen waren. Nur $1 hingegen erleichterte die Lüge nicht - die Teilnehmer spürten eine kognitive Dissonanz und passten deswegen ihre Einstellung, also die Bewertung der eigentlich sehr langweiligen Aufgabe, an.

 

© drubig-photo - Fotolia.com
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Kurzfristige Dissonanzreduktion durch Karotten vor der Nase

Auf die Arbeitswelt übertragen heißt das: Je mehr Rechtfertigungen sich anbieten, desto länger halten Menschen eine eigentlich negativ bewertete Situation aus. So können etwa ein hohes Gehalt, Boni und sonstige Annehmlichkeiten (die berühmten Karotten) des Arbeitgebers dafür sorgen, dass eine Aufgabe kurz- und mittelfristig positiver betrachtet wird, manche lassen sich damit vielleicht sogar über viele Jahre "ruhigstellen" - das grundlegende Problem jedoch bleibt bestehen. Aber wenn es daran geht, grundlegendes Führungsverhalten in Frage zu stellen oder tatsächlich an der Kultur des Unternehmens zu arbeiten, greift vielleicht auch bei den "Entscheidern" die kognitive Dissonanzreduktion - denn "so schlimm ist das ja alles nicht", und "bisher ist es ja immer so gegangen"... Ich fürchte nur, mit meiner Generation und allen, die sich ihr zugehörig fühlen, wird das nicht mehr ewig so weitergehen

 

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