Warum hakt es bei den "blauen" Aufgaben? Verantwortungsdiffusion im Schwarm

© dule964 - Fotolia.com
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Gestern beim Open Space Stammtisch fiel mir einer meiner Lieblingsbegriffe aus dem Studium wieder ein: Verantwortungsdiffusion. In der Session, an der ich teilnahm, wurde die Frage nach Erfahrungen mit der Arbeit in "Schwärmen" diskutiert. Als "Schwarm" wurde in dem Zusammenhang eine offene Gruppe von Menschen definiert, die ohne feste Grenzen der Zugehörigkeit zusammenkommt, um für den Moment an etwas zu arbeiten, und die sich danach wieder auflöst. Ohne jetzt ganz weit auszuholen und Schwarmverhalten, -intelligenz und den korrekten Vergleich mit dem Tierreich zu hinterfragen, möchte ich doch gern eine Frage aufgreifen, die gestern offen im Raum stand: Wie kommt es, dass häufig gerne dann, wenn Dinge "einfach mal gemacht" werden müssen, Schwärme versagen? Im kreativen Teil, in dem die "roten" Aufgaben gelöst werden, funktioniert ein Schwarm gut, da waren sich (fast) alle einig, aber es hakt, sobald die "blauen", organisatorischen, Aufgaben, auf den Plan treten - warum?

Was ist Verantwortungsdiffusion?

Der Begriff lief mir im Studium über den Weg und dient mir seither als Erklärung für viele alltägliche Beobachtungen. Er beschreibt einen Effekt, den man beobachten kann, wenn in einer Gruppe Verantwortlichkeiten nicht klar verteilt sind. Dann wartet nämlich jeder darauf, dass ein anderer den ersten Schritt macht und die Initiative ergreift. Je größer die Gruppe, desto größer auch der Effekt. In der Psychologie wird mit der Theorie der Verantwortungsdiffusion auch das sogenannte Genovese-Syndrom erklärt: Kitty Genovese wurde in den 1960ern in New York auf brutale Art ermordet, und obwohl mindestens 38 ihrer Nachbarn den Mord beobachteten, griff niemand ein - jeder wartete darauf, dass ein anderer das tat. In Gruppen oder "Schwärmen" tritt dieser Effekt v.a. auf, wenn es darum geht, klar definierte Aufgaben zu übernehmen, die vielleicht nicht so attraktiv sind wie kreative, inhaltlich wertvolle Aufgaben, sondern eher "abgearbeitet" werden müssen - aber oftmals für den Erhalt der Gruppe oder das gemeinsame Ziel essentiell sind. 

 

Best Practice

In der Session wurden dann auch einige Aspekte genannt, die diese Verantwortungsdiffusion verhindern bzw. aufheben könenn und die Umsetzung der "blauen Aufgaben" unterstützen:

  • Commitment: Je mehr die Einzelnen sich mit der Gruppe bzw. dem Gruppenziel identifizieren kann, desto größer das Engagement für die Sache. Als Beispiel wurden hier Bürgerbewegungen angeführt, die oft auch einen hohen Leidensdruck haben.
  • Ziel: Je klarer und eindeutiger das Ziel ist, desto mehr Anziehungskraft übt es aus.
  • Radikale Verantwortungsübernahme: Es gibt immer eine Handvoll Leute, die letztlich die Verantwortung übernehmen. In Schwärmen kann das noch viel radikaler geschehen: Derjenige, der eine Aufgabe entdeckt, übernimmt dafür die Verantwortung. Dazu gehört aber auch, radikal die Verantwortung abzugeben, wenn man sie nicht mehr erfüllen kann.
  • Neue Wege gehen: Vor allem in Schwärmen ist es oft hinderlich, mit klassischen, hierarchisch-linearen Herangehensweisen zu agieren. Hier helfen neue Techniken (z.B. Google Drive), klare Regeln und deutliche Kommunikation, was man wann von wem braucht.
  • Rollenklärung: Auch wenn es in der Gruppe keine definierten Rollen gibt, sollte man sich seiner eigenen Rolle immer bewusst sein und für sich die Frage klären, welche Rolle man übernehmen kann und will. Keinem ist geholfen, wenn man für alles die Verantwortung trägt, aber nichts umsetzen kann.

Mit diesen Ansatzpunkten kann es gelingen, die Verantwortungsdiffusion aufzufangen und auch in großen und nicht konstanten Gruppen erfolgreich zusammenzuarbeiten. Dass es sich lohnt, solchen Schwärmen beizuwohnen, hat sich für mich gestern Abend wieder einmal gezeigt - denn ich bin inspiriert und motiviert nach Hause gegangen.

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