Identitätssuche im Fokus der Persönlichkeitsentwicklung

In der vergangenen Woche hatte ich das Glück, auf der Tagung des Studium generale - Netzwerk Nord an der Bucerius Law School einen Vortrag von Prof. Dr. Malte Mienert zu hören. Das Thema der Tagung lautete "Persönlichkeitsentwicklung im Studium - Ziele, Inhalte und Instrumente überfachlicher Studienangebote". Ein durchaus schwer zu fassendes Thema, dem sich Prof. Mienert aus psychologischer Sicht näherte. Er selbst hat in Entwicklungspsychologie promoviert und ist jetzt, nach einer Juniorprofessur an der Universität Bremen für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie, Professor für Hochschulbildung an der European New University in Kerkrade (NL) und dort auch Dekan der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften. Prof. Mienerts Vortrag hat mich sehr inspiriert: Zum einen durch seine unheimlich eloquente, unterhaltsame Art vorzutragen (nicht umsonst ist er Träger des Berninhausen-Preises für gute Lehre!) - viel mehr aber noch durch die inhaltlichen Aspekte, die mir einige Aha-Erlebnisse beschert haben. Einige Gedanken dazu, wie so etwas wie Persönlichkeitsentwicklung, auch und gerade für die Generation Y, gelingen kann, möchte ich an dieser Stelle gern aufgreifen.

Wie passt das zusammen - eine Persönlichkeit entwickeln?

Diese Frage wird, ebenso wie der Begriff "Persönlichkeitsentwicklung", in der Psychologie immer wieder gern diskutiert. Deswegen einige definitorische Hinweise vorab, die ich direkt übernehme: Als Persönlichkeit versteht man die Summe aller Persönlichkeitseigenschaften einer Person. Sie wird verstanden als überdauerndes Merkmal, in dem sich Menschen unterscheiden. Die Idee einer Persönlichkeitsentwicklung setzt aber voraus, dass eine langfristige Veränderung möglich ist und kann nur als solche verstanden werden. Für die Entwicklung gibt es dann zwei relevante Pfade: Einmal im Sinne der Identitätsfindung (zu sich selbst finden), zum anderen als Sozialisation (die eigenen Rollen finden/klären). Was aber heißt das jetzt für die Persönlichkeitsentwicklung - übrigens nicht nur für Studierende?

 

Verschiedene Formen der Identität

Werte und Normen werden durch Sozialisation entwickelt. Das geschieht sowohl durch die unabsichtliche, nicht planbare Interaktion mit der Umwelt, aber auch durch gezielte Erziehungsmaßnahmen. So werden bestimmte Vorstellungen verinnerlicht und soziale Rollen eingenommen. Die eigene Identität wird entwickelt. Marcia, der ein Identitätsmodell entwickelte, bezieht die Identität auf zentrale Lebensbereiche wie z.B. Familie, Beruf, Freundschaften und Freizeit. In Abhängigkeit vom Grad der Exploration (=Suche nach Möglichkeiten) und der Verpflichtung (=Anerkennung bestimmter Werte) beschreibt er vier unterschiedliche Formen von Identität:

  1. Die diffuse Identität: Personen mit einer diffusen Identität haben sich nicht zu bestimmten Werten verpflichtet und sind auch nicht auf der Suche nach Alternativen.
  2. Die kritische Identität/Das Identitätsmoratorium: Auch hier haben Betroffene sich noch nicht zu bestimmten Werten bekannt. Sie sind aber aktiv auf der Suche nach ihrer Identität und erproben verschiedene Szenarien und Rollen. Dieser Zustand ist mit hoher Experimentierfreude und Ängstlichkeit gekennzeichnet und wurde bei Studierenden häufiger beobachtet als bei gleichaltrigen Berufstätigen.
  3. Die übernommene Identität: Ist die Identität übernommen, hat sich die Person bestimmten Werten und Normen verpflichtet, aber kaum eigenständig gesucht und erprobt. Meistens sind die Werte von Bezugspersonen wie den Eltern übernommen. In diesem Stadium werden Autorität und konventionelle Ansichten bevorzugt.
  4. Die erarbeitete Identität: Exploration und Verpflichtung sind hoch, Werte und Identität sind hier eigenständig festgelegt worden.
© mariesacha - Fotolia.com
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Vermehrt diffuse Identitäten

Seit 1984 nimmt die Form der diffusen Identität zu. Kraus & Mitzscherlich haben daraufhin in den 1990ern drei Unterformen der Identitätsdiffusion empirisch bestätigen können: Den Surfertyp, der ohne große Verpflichtungen vor allem hedonistisch geleitet wird, einen traditionellen Typ, der, ähnlich der oben beschriebenen übernommenen Identität, Werte von anderen übernimmt, aber sich diesen nicht verpflichtet fühlt, und schließlich den Isolierten, der aufgrund biographischer Begebenheiten keine Ressourcen hat, sich mit der Identitätsfindung auseinander zu setzen. Insbesondere die ersten beiden Typen könnten den beiden gegensätzlichen Gruppen entsprechen, die Prof. Kruse als die gegensätzlichen Untergruppen der Generation Y in seinem Vortrag beschreibt. Vielleicht trifft aber auch das Identitätsmoratorium den Zustand vieler Millenials auf den Kopf?

 

So oder so: Was ist zu tun?

Für Hochschulen, die sich mit der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Studierenden auseinandersetzen gilt: Schaffen Sie Angebote, die die (Selbst-)reflexion anregen. Unterstützen Sie die Exploration, in dem Sie innovative Veranstaltungsformate, interessante Redner und Kontakte mit anderen Lebenswelten anbieten und fördern. Das können Workshops zur Werte- und Zielklärung oder zur beruflichen Orientierung, Open Space-Veranstaltungen oder Zukunftswerkstätten, Kamingespräche mit Unternehmensvertretern oder Politikern, Service Learning-Projekte oder Mentoring-Programme sein - alles, was den Einzelnen dazu bringt, sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinanderzusetzen hilft dabei, die eigene Rolle zu klären und eine Identität zu entwickeln. Die dadurch entwickelte Authentizität ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in Richtung der oft geforderten Employability - denn erst wenn das Individuum eine Ahnung davon hat, welche Kompetenzen vorhanden sind und welche gebraucht werden, wird die notwendige intrinsische Motivation da sein, Fähigkeiten auszubauen und zu erwerben. Und das gilt meines Erachtens nach nicht nur für die Generation Y und Hochschulen, sondern auch für Berufseinsteiger in Unternehmen: Wenn Sie wollen, dass Ihre Mitarbeiter sich entwickeln, schaffen Sie entsprechende Angebote zur Selbstreflexion. Unterstützung dabei finden Hochschulen wie Unternehmen u.a. hier.

 

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Prof. Mienert für den anregenden Vortrag und den Gedankenanstoß!

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