"Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen"

"Mut ist nur ein Anagramm von Glück" - diese Aussage, gepaart mit dem dazugehörigen Link zu einem Video, tauchte in den letzten Tagen an allen Ecken und Enden diverser sozialer Netzwerke auf. In dem Video zu sehen ist Julia Engelmann, eine Psychologie-Studentin aus Bremen, die beim Hörsaal-Slam im letzten Jahr einen Text vortrug, der nun scheinbar den Nerv der Zeit trifft - und das quer durch alle Altersgruppen. Es geht darum, zuviel nachzudenken, keine Fehler machen zu wollen, sich vieles vorzunehmen, aber es auf morgen zu verschieben, Dopamin zu sparen. Unser Leben, so Engelmann, ist ein Wartezimmer. Dabei könnten wir doch "das Leben, das wir führen wollen, [...] selber wählen": jetzt sind wir jung, jetzt können wir Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen, jetzt können wir werden, wer wir sein wollen.

 

Engelmann ruft auf zu Leichtsinn, Selbstvertrauen, Freude, Euphorie, Mut und Abenteuer - positive Emotionen, die der Psychologe Seligman als entscheidende Variablen für das nachhaltige Glücksniveau erachtet. Vor allem aber nimmt sie Bezug auf ein Konstrukt, das in der Psychologie unter dem Begriff "Kontrollüberzeugung" bekannt ist.

 

Internale vs. externale Kontrolle

Das Konstrukt der Kontrollüberzeugung (engl. locus of control) geht zurück auf Julian B. Rotter, der erst Anfang diesen Jahres verstarb. Der U.S.-amerikanische Psychologe führte den Begriff der Kontrollüberzeugung ein und beschreibt damit, inwieweit das eigene Verhalten für ein bestimmtes Ereignis verantwortlich gemacht wird. Ist die Kontrollüberzeugung eher internal, liegt also der "Ort der Kontrolle" innerhalb des Individuums, geht dieses tendenziell eher davon aus, dass ein bestimmtes Ereignis die direkte Folge des eigenen Handelns ist. Liegt der Ort der Kontrolle außerhalb des Individuums (externale Kontrollüberzeugung), werden Ereignisse als nicht beeinflussbar wahrgenommen. Während internale Kontrollüberzeugungen positiv mit mentalem Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Jobzufriedenheit, intrinsischer Motivation, beruflichem Erfolg korrellieren, korrelieren sie negativ mit empfundenem Stress am Arbeitsplatz und Burnout. Mit anderen Worten: Wer das Gefühl hat, Ereignisse kontrollieren zu können, ist gesünder, zufriedener und motivierter.

© Grafix132 - Fotolia.com
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Ein Beispiel: die (unmögliche) Berufswahl

Die Wahl für den ersten (zweiten, dritten...) Job fällt oft schwer. Es gibt so viele Möglichkeiten, und fast täglich kommen neue Berufsbilder hinzu - wie stehen da wohl die Chancen, mit dem ersten Griff schon für immer richtig zu liegen? Vermutlich für alle gleich hoch oder niedrig, je nach Optimismus (dazu an anderer Stelle mehr). Jemand mit einer internalen Kontrollüberzeugung geht wahrscheinlich eher so an die Sache heran: "Aus den vielen, vielen Möglichkeiten wähle ich mir mal eine aus und schau', ob es mir gefällt. Gefällt's mir nicht, mach' ich was anderes". Eine Person mit externaler Kontrollüberzeugung hingegen denkt vielleicht eher: "Es gibt unendlich viele Möglichkeiten - da kann ich doch gar nicht das Richtige finden. Ich kann nur hoffen, dass ich halbwegs richtig liege mit meiner Wahl - aber letztlich ist das doch Schicksal." Wer von den beiden ist wohl zufriedener und motivierter?

 

Ähnlicher Fall: wollen vs. müssen

"Lass' uns alles tun, weil wir können und nicht müssen", sagt Julia Engelmann in ihrem Text. Damit ist sie, psychologisch betrachtet, schon auf der richtigen Spur. Auch hierfür ein Beispiel: Studenten müssen für Klausuren viel lernen. Aber wollen sie auch? Rein theoretisch schon, wenn sie das Studienfach selbst gewählt haben - aber sich das auch in akuten Lernphasen vor Augen zu führen, gelingt den wenigsten. Dabei würde es die Sache so viel einfacher machen: Wer setzt sich nicht lieber an den Schreibtisch, wenn er im Hinterkopf hat, das selbstgewählt zu haben und dementsprechend auch jederzeit gehen zu können? Klingt "Ich will diese Prüfung bestehen und dafür lernen" nicht viel besser als "Ich muss diese Prüfung bestehen und dafür lernen"? Dieser kleine Trick lässt sich übrigens auch anwenden auf das Arbeitsleben: Wer unzufrieden ist im Job, sollte sich öfter einmal vor Augen führen, dass im Zweifelsfall immer ein Ausweg bleibt - die Kündigung. Allein diese Erkenntnis hilft oft schon, akute Unzufriedenheit zu überwinden.

Zu allem Großen ist der erste Schritt der Mut...

... sagte schon Goethe, und Mut, das wissen wir nun, ist nur ein Anagramm von Glück. Und das wiederum, das zeigt uns die psychologische Forschung, ist zu großen Teilen Einstellungssache. Also: mehr Eigenverantwortung, mehr "wollen", mehr positive Emotionen. Dann klappt das schon mit den "Geschichten, die wir später gern erzählen"!

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