Statistik unter der Lupe: Das Konzept "Homeoffice"

© bloomua - Fotolia.com
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Dieser Tage geistert eine Zahl durch's Internet, die scheinbar viele aufhorchen lässt: nur 7,7% der Angestellten haben im Jahr 2012 manchmal oder hauptsächlich im Homeoffice gearbeitet. Zum Vergleich: 1996 waren es 8,8%; die höchste bisherige Quote lag bei 9,7% im Jahre 2008. Erhoben hat diese Zahlen das Statistische Bundesamt, im Auftrag für die Welt am Sonntag. Kann das in Zeiten von Smartphones und ständiger Erreichbarkeit tatsächlich der Realität entsprechen? Ich habe da doch meine Zweifel. Eine Überlegung dazu, die sich mir förmlich aufdrängt: Die Zahlen sind verfälscht, weil Arbeit im Home"office" häufig gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Mal eben noch eine Email schreiben - mit dem von der Firma gestellten Smartphone - gehört schon so zur Alltagsroutine, dass es gar nicht mehr ins Gewicht fällt, wo ich das tue: in der Firma, auf dem Weg nach Hause, oder eben abends auf dem Sofa. Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen immer mehr, und zwar in beide Richtungen. Dass das sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber ein Gewinn sein kann, zeigt die Realität - und ein psychologisches Modell.

 

Das interessiert auch Verkehrsplaner: Die Auswirkungen flexibler und mobiler Arbeit

Die Auswirkungen der Arbeit im Homeoffice interessieren längst nicht nur Arbeitspsychologen, sondern auch Verkehrsplaner. In einer Studie der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und der swisscom bemühten sich 264 Mitarbeiter der beiden Institutionen, möglichst wenig zu den Hauptverkehrszeiten zu pendeln. Dabei steigerten sie u.a. den Anteil der Arbeit, den sie Zuhause oder unterwegs erledigten, von 24% auf 33%. Neben der zu erwartenden Entlastung des Bahnverkehrs wurden weitere positive Effekte beobachtet: Quantität und Qualität der eigenen Arbeit schätzten die Teilnehmer höher ein als vorher, wobei die Anzahl der Arbeitsstunden nicht stieg. Diese Beobachtung unterstützen auch Vorgesetzte der Teilnehmer, die bestätigten, dass die Arbeitsleistung gleich oder höher war. Für sämtliche individuelle Faktoren wie Arbeitszufriedenheit, Wohlbefinden, Motivation und Life-Balance wurden positive Auswirkungen berichtet. Und auch auf Teamebene gab es keine negativen Folgen: So konnten Erreichbarkeit der Teammitglieder und Teamklima auf einem konstanten Level gehalten werden. Grundvoraussetzung war natürlich die Ausstattung mit Laptop und Smartphone.

 

Das Job-Characteristics-Modell (Hackmann & Oldham)...

Diese empirischen Ergebnisse werden auch durch ein motivationspsychologisches Modell gestützt. Das von Hackmann und Oldham postulierte Job-Characteristics-Modell beschreibt fünf Kern-Merkmale der Arbeit: Variabilität, Ganzheitlichkeit, Bedeutung, Autonomie und Feedback. Während die ersten drei Merkmale dem kritischen psychischen Zustand der "erlebten Sinnhaftigkeit" zuträglich sind, steigert Autonomie die "erlebte Verantwortlichkeit". Regelmäßiges Feedback schließlich erhöht die "Kenntnisse der Ergebnisse der eigenen Aktivität". Aus allen drei kritischen psychischen Zuständen wiederum resultiert - man ahnt es schon - eine hohe intrinsische Arbeitsmotivation.

© intararit - Fotolia.com
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...im Zusammenhang mit der Wahl des Arbeitsortes

Wie das nun mit dem Home- oder nicht Homeoffice zusammenhängt, sei kurz erläutert: Manchmal kann es sinnvoll sein, von Zuhause zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn man konzentriert arbeiten muss und in einem Büro mit der Assistenz der Geschäftsführung sitzt, die alle paar Minuten telefonieren muss. Manchmal macht es auch keinen Sinn, im vom Arbeitgeber bestimmten Büro zu sein, wenn man an anderer Stelle genauso gut oder noch gar besser Daten analysieren, Präsentationen erarbeiten oder Berichte schreiben kann - z.B. im Zug, am Strand oder im Café. Was zählt (oder besser: zählen sollte) ist das Ergebnis. Und wie die Studie aus der Schweiz zeigt, ist das besser oder zumindest von gleichbleibender Qualität, wenn die Arbeitnehmer über das Wann und Wo selbst bestimmen kann. Das wiederum stärkt - logisch - das Gefühl von Autonomie. Und dass das regelmäßige Feedback in Zeiten, in denen die meiste Kommunikation sowieso per Mail geschieht, nicht darunter leidet, ob der Mitarbeiter oder Kollege nun im Büro nebenan, in seiner Wohnung oder in Timbuktu sitzt, versteht sich ebenso von selbst.

 

 

Warum also noch kategorisieren?

Ist also die Kategorisierung Homeoffice vs. Präsenzzeit überholt? Arbeit ist Arbeit, egal wo ich sie erledige. Klar, es gibt Berufe, die erfordern Präsenz (Pflegeberufe, Einzelhandel, Luftfahrt...); für die gilt alles Gesagte nur in begrenztem Maße. Aber für diejenigen, die können und wollen (und es im Zweifelsfall eh schon machen, ohne sich dessen bewusst zu sein): Arbeitet doch wo ihr wollt!

 

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