So kann man den Austausch in großen Gruppen auch organisieren: Open Space

Seitdem ich mich beruflich mit der neuen Arbeitswelt beschäftige, entdecke ich viel Neues: Coworking, Fishbowl-Diskussionen, Scrum... Und eben auch Veranstaltungen im Open Space-Format. Gehört habe ich davon schon mal zu Uni-Zeiten, aber wirklich erfahren habe ich Open Space erst vor Kurzem. Das erste Mal bei intrinsify.me, eine Community, die ich gern in einem anderen Blog-Artikel einmal genauer vorstelle; und in dieser Woche auch beim Open Space Stammtisch. Der findet immer am ersten Montag jeden ungeraden Monats in vielen Städten weltweit statt - u.a. auch in Hamburg.

 

Warnung: Für vermutlich die Hälfte meiner Leserschaft kommt nun nichts Neues; der anderen Hälfte möchte ich heute dennoch gern diese Methode genauer erläutern...

Wie funktioniert's?

Open Space Veranstaltungen folgen einem eigentlich recht simplen Prinzip: Jeder kann Themen stiften, und alle können sich überall einbringen. Klingt chaotisch, ist es aber in der Realität überraschenderweise nicht. Im Detail sieht das dann so aus: Zu Beginn stellen alle Teilnehmer, die ein Thema einbringen wollen, dieses kurz in der großen Runde vor. Je nach Titel der Veranstaltung kann das einem bestimmten Thema folgen oder aber ein buntes Sammelsurium ganz unterschiedlicher Themen (am Montag u.a.: der Vertrieb eines Buches, die Zukunft der Gründungsberatung und Nachhaltigkeitsspiele) sein. Diese Themen werden auf verschiedene Sessions, die die (ungefähre) zeitliche Dauer festlegen, verteilt und auf dem anschließenden "Marktplatz" noch einmal hin und her gehandelt - bis das so entstandene Programm für die Mehrheit passt. Was dann beginnt, widerspricht jeder durchorganisierten und getakteten Konferenz, und ist unglaublich bereichernd: in den einzelnen Gruppen, die sich spontan finden, wird, je nach Zielsetzung, referiert, diskutiert, entworfen und entwickelt, bis niemand mehr etwas beitragen kann.

Die Grundprinzipien

Das besondere daran sind die folgenden Prinzipien:

  • Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute – auch wenn nur eine Person kommt.
  • Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte – auch wenn es anders läuft, als der Themengeber sich das vorgestellt hat.
  • Es beginnt, wenn die Zeit reif ist – nicht vorher, nicht später.
  • Vorbei ist vorbei – Nicht vorbei ist Nicht-vorbei – das heißt auch, dass die Uhrzeit wenig zu sagen hat.

Außerdem gilt das Gesetz der zwei Füße: wenn ich nichts mehr lerne, nichts mehr beitrage, dann verlasse ich die Gruppe. Das führt dazu, dass sich manche Teilnehmer wie Hummeln verhalten: Sie fliegen von einer Gruppe zur anderen, bleiben nirgendwo lang und tragen die inhaltlichen Pollen zwischen den Gruppen weiter. Andere wiederum sind wie Schmetterlinge: Sie sind da und "verschönern" mit ihrer Anwesenheit die Veranstaltung.

Das bringt's:

Ein Vorteil liegt auf der Hand: Es werden aktuelle Themen besprochen, die so vorher im Zweifelsfall nicht geplant werden können. Die Personen, die zu einem Thema arbeiten, finden sich spontan - und sind nicht daran gebunden, in einer Arbeitsgruppe zu verbleiben, bis der nächste Gong ertönt. Relativ schnell finden sich so also die richtigen Personen für ein Thema, was für die inhaltliche Diskussion unglaublich förderlich ist. So entstehen in kürzester Zeit Ergebnisse und Erkenntnisse, die immer wieder überraschen, helfen, motivieren und mobilisieren. In den wenigen Veranstaltungen, die ich in dieser Form besucht habe, habe ich viele bemerkenswerte Menschen getroffen und in kürzester Zeit mehr gelernt, als ich mir hätte vorstellen können. Gerade in heterogenen Gruppen entstehen tolle Synergieeffekte.

 

Ein Haken aber bleibt...

Man muss sich auf dieses Format einlassen können. Auch ich hatte am Anfang meine Zweifel. Das Problem ist, dass man nicht überall mitmischen kann und sich trotz Hummeln und zwei Füßen immer zwischen mindestens zwei interessanten Themen entscheiden muss. Das ist mitunter schwer  (vor allem für mich, die ich ja schon für eine Essensbestellung mitunter dreimal so lang brauche wie der Durchschnitt). Wenn es aber gelingt, sich von dem eigenen Anspruch zu lösen und auf das zu konzentrieren, was möglich ist, erlebt man das, was ein Open Space ausmachen kann: Eine engagierte Community, die sich gegenseitig bereichert und viele (teilweise ungeahnte) Kräfte freisetzt. Bitte mehr davon!

 

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