Never change a running system - oder: Warum es gut ist, nicht alle Vorsätze umzusetzen

Nun ist Silvester mit all seinen schönen, guten Vorsätzen überstanden, und schon sind vermutlich einige davon bereits über den Haufen geworfen. Auf den ersten Blick bedeutet ein Nicht-Verändern-Können für die meisten Menschen etwas Schlechtes: versagen, scheitern, unfähig sein. Gute Vorsätze, die nur schwammig formuliert und dann nicht zielstrebig und erfolgreich verfolgt werden können, fördern dieses negative Denken, was wiederum zu Frustration führt und noch mehr negativem Denken… es ist ein Teufelskreis, der nur schwer durchbrochen werden lann - bis es dann irgendwann auch egal ist, dann lassen wir es eben ganz. Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann habe ich heute eine gute Nachricht für Sie: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, bestehen oder versagen. Auch ein „Bewahren“ erfüllt eine wichtige Funktion!

Werte²

Im Leben geht es ständig darum, auszubalancieren. Das Werte- und Entwicklungsquadrat, das der ehrwürdige Professor Schulz von Thun von Paul Helwig für seine Zwecke adaptiert hat, zeigt das sehr schön: Da stehen sich zunächst einmal Verändern und Bewahren als „Schwesterntugenden“ gegenüber. Verändert man zu viel, artet es schnell aus und wirkt dann vielleicht übertrieben oder verbissen. Bewahrt man zu viel, läuft man Gefahr, still zu stehen und einzustauben. Beide der Schwesterntugenden findet also ihren negativen Ausdruck im „zu viel des Guten“. Es gilt also, beide Tugenden, beide Werte zu berücksichtigen – und zu würdigen. Und ja, auch das Bewahren erfordert Energie und Kraft, manchmal sogar Mut.

 

Wenn Jammern einen Sinn hat

Wenn man sich das Positive am Nicht-verändern bewusst machen will, ist es hilfreich, sich einmal folgende Fragen durch den Kopf gehen zu lassen:

  • Was nützt es mir, dass ich das Ziel noch nicht erreicht habe?
  • Was würde ich verlieren, wenn ich das Ziel erreiche? Und was, wenn ich es nicht erreiche?
  • Was wäre mir nicht mehr möglich, wenn ich mein Vorhaben erfolgreich umgesetzt hätte?
  • Wer profitiert davon, wenn ich diese Veränderung nicht umsetze?

Vielleicht stößt man dann auf ganze neue Einsichten: Vielleicht ist die Schokolade abends vor dem Fernseher wichtiges Ritual für die Beziehung; vielleicht ermöglicht der ungeliebte Job eine überdurchschnittliche Bezahlung und viel Freizeit; vielleicht erfüllt aber auch schon das Jammern über einen Zustand, mit dem man nicht zufrieden ist, eine wichtige Funktion… Was es auch ist, ich bin sicher, jeder hat seine Gründe, an etwas festzuhalten – und er/sie tut gut daran, das auch zu tun.

© alphaspirit - Fotolia.com
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Auf der Waage

Die wahre Kunst besteht nun darin, Gutes zu bewahren und gleichzeitig nicht einzustauben. Schulz von Thun gibt dazu die „Entwicklungsrichtungen“ vor: von links unten nach rechts oben, von rechts unten nach links oben. Stellt man sich eine altertümliche Waage vor, wird deutlich, was er meint: Versucht man mehr zu bewahren, wird die Übertreibung „leichter“; versucht man häufiger etwas zu ändern, steht man automatisch weniger still. Eigentlich logisch, oder?

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